• vom 13.03.2018, 18:16 Uhr

Weltpolitik

Update: 13.03.2018, 18:39 Uhr

Giftmord

Toxische Stimmung




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Von Gerhard Lechner

  • Der Vergiftungs-Thriller bleibt rätselhaft. Großbritannien könnte Sanktionen gegen Russland beschließen.

War "not amused" über das britische Ultimatum: Russlands Außenminister Sergej Lawrow. - © ap/Alexander Zemlianichenko

War "not amused" über das britische Ultimatum: Russlands Außenminister Sergej Lawrow. © ap/Alexander Zemlianichenko

London/Moskau. Es ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg, das derzeit zwischen Großbritannien und Russland für giftige Stimmung sorgt: Nowitschok, "Neuling". Die unter diesem Namen in der Sowjetunion in den 1970er und 1980er Jahren im Geheimen entwickelten Nervengifte gehören zu den tödlichsten je erfundenen Kampfstoffen. Nowitschok gelangt - oft in Form eines extrem feinen Pulvers - über die Haut oder die Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia, die im britischen Salisbury mit dem Stoff in Kontakt kamen, liegen auf der Intensivstation und befinden sich weiter in kritischem Zustand.

Moskau pocht auf Unschuld
Der Fall verschlechtert die ohnedies nicht gerade rosigen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland weiter. Am Montag hatte die britische Regierung Moskau ein Ultimatum bis Dienstagabend gestellt: Der Kreml möge bis zum heutigen Mittwoch um null Uhr eine Erklärung gegenüber der OPCW, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, abgeben - wenn nicht, drohen ihm möglicherweise weitere Sanktionen. Russland wies das britische Ansinnen am Dienstag zurück: Außenminister Sergej Lawrow verlangte Zugang zu den Nervengift-Proben und warf London vor, sich nicht an die Vorgaben der Chemiewaffenkonvention zu halten. Man sei "unschuldig" und zur Zusammenarbeit bereit. In einer russischen Erklärung hieß es, dass man auf neue britische Sanktionen reagieren wolle.


Dass der Fall Skripal, der an den aufsehenerregenden Mord an dem russischen Ex-Agenten und Überläufer Alexander Litwinenko in London erinnert, sich im Geheimdienst- und Agentenmilieu abspielte, erschwert eine schnelle Analyse. Der österreichische Politologe Gerhard Mangott weist im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" darauf hin, dass bei dem Vergiftungsanschlag allzu viele Fragen offen sind. So sei die Zusammensetzung der Nowitschok-Kampfstoffe nicht nur in Russland, sondern in vielen Ländern bekannt. "Ein Staat mit einem guten Chemiewaffenlabor kann das Nervengift jederzeit erzeugen", sagt Mangott. Dazu komme, dass die USA ein Werk aus der Sowjetzeit in Usbekistan, in dem Nowitschok-Kampfstoffe produziert worden seien, einst dekontaminiert haben. "Aus dem Vorhandensein des Giftstoffs allein lässt sich eine Täterschaft Russlands also nicht ableiten."

Solidarität mit Großbritannien
Bleibt die Person des Opfers ein ehemaliger Offizier des russischen Militärgeheimdiensts GRU, der zu den Briten übergelaufen ist. "Aber Skripal wurde vor acht Jahren ausgetauscht und lebt seither ruhig in Salisbury. Die Geheimnisse, die er verraten konnte, hat er wohl bereits verraten. Wenn es so etwas wie ein staatliches russisches Interesse daran gäbe, diesen ,Verräter‘, der er aus russischer Sicht ja war, zu bestrafen, dann stellt sich die Frage: Warum erst jetzt? Warum nicht bereits vor einigen Jahren?", rätselt Mangott, der gleichzeitig betont, dass eine russische Täterschaft "durchaus möglich ist". So vermuten manche, dass der aufsehenerregende Fall die antiwestliche Stimmung in Russland vor der Präsidentenwahl anheizen sollte. Bewiesen sei mit dem, was bisher präsentiert wurde, aber noch nichts, betont Mangott.

Der Westen zeigt sich in dem neuen Konflikt mit Moskau dennoch einig: Die USA, die EU und die Nato haben sich hinter Großbritannien gestellt. Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, sicherte London am Dienstag die "unmissverständliche, unerschütterliche und sehr starke europäische Solidarität" zu. Die Verantwortlichen des Giftangriffs müssten bestraft werden. US-Präsident Donald Trump vermutet wie sein Ex-Außenminister Rex Tillerson Moskau hinter dem Anschlag: "Für mich sieht es danach aus, dass es Russland gewesen sein könnte", sagte Trump. Und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, der Einsatz eines jeden Nervenkampfstoffes sei "völlig inakzeptabel".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-13 18:20:49
Letzte Änderung am 2018-03-13 18:39:29


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