• vom 19.03.2018, 14:49 Uhr

Weltpolitik

Update: 19.03.2018, 22:09 Uhr

Syrien

Türkei will sich aus Afrin zurückziehen




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA, AFP, dpa

  • Opposition verurteilt Plünderungen in Afrin.

Damaskus/Afrin. Die türkische Armee will sich aus der gerade erst eingenommenen Region Afrin in Nordsyrien wieder zurückziehen und den überwiegend von Kurden bewohnten Landstrich ihren "wirklichen Besitzern" überlassen. Das kündigte Armee-Sprecher Bekir Bozdag an. Gleichzeitig drohte der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan mit der Ausweitung der Offensive nach Ostsyrien und den Irak.

Man wolle gegen weitere von der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Gebiete bis hin nach Qamishli vorrücken, sagte Erdogan in Ankara. Zudem werde man die "Terrorcamps" der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak "wenn nötig anhaltend unter Kontrolle bringen". Ankara sieht die YPG als syrischen Ableger der PKK und betrachtet beide als Terrororganisationen. In Syrien ist die YPG wichtigster Verbündeter der US-geführten Anti-IS-Koalition.

Die PKK hat in den nordirakischen Kandil-Bergen ihr Hauptquartier und auch im nordirakischen Sinjar Stellungen. Erdogan nannte Sinjar das "zweite Kandil" und sagte, Ankara habe die irakische Zentralregierung gesagt, dass sie "die Sache" lösen solle, andernfalls werde die Türkei es tun. "Wir würden sofort eines Nachts urplötzlich in Sinjar einmarschieren und es von der PKK säubern", sagte Erdogan. Die syrischen Kurden haben im Syrien-Krieg in einer große Region im Norden des Landes eine Selbstverwaltung errichtet. Nach dem Verlust von Afrin beherrschen sie noch Gebiete weiter östlich.

Information

Die Türkei hatte am 20. Jänner eine Offensive gegen die YPG-Milizen in Afrin gestartet, deren Präsenz an der Grenze sie wegen ihren engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Bedrohung sieht. Nachdem die Offensive lange nur langsam vorangekommen war, kreisten die türkischen Kräfte vor einer Woche die Stadt Afrin ein, woraufhin sich die YPG am Wochenende kampflos zurückzog.

Bozdag, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist, ließ indes offen, wer mit den "wirklichen Besitzern" Afrins gemeint und wann mit einem Abzug der türkischen Armee zu rechnen sei. Mit der Einnahme der Stadt Afrin sei auch die Bedrohung der türkischen Grenze signifikant verringert worden.

 Lage in Afrin angespannt

Erst am Sonntag hatten türkische Verbände zusammen mit verbündeten arabischen Milizen die Hauptstadt Afrin der gleichnamigen Region eingenommen. Mit der im Jänner begonnenen Offensive versucht die Türkei, den Einfluss der YPG zurückzudrängen. Es solle zudem verhindert werden, dass sich ein zusammenhängendes kurdisches Einflussgebiet vom Irak über Syrien bis in die Türkei bildet.

Die Lage in Afrin selbst war am Montag angespannt. Mehrere Menschen starben bei einem Bombenanschlag. Aktivisten und Kurden warfen protürkischen Rebellen nach deren Einmarsch Plünderungen vor. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, die Kämpfer hätten in großem Ausmaße Geschäfte, Häuser und Regierungsgebäude ausgeraubt. Der Sprecher der Kurdenmiliz YPG, Brossik al-Hassaka, sagte, die Eroberer hätten wie früher die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auch Gebäude angezündet und religiöse Statuen zerstört.

Opposition verurteilt Plünderungen in Afrin

Die syrische Opposition verurteilte die Plünderungen protürkischer Rebellen in Afrin scharf. "Die Plünderung und der Diebstahl von öffentlichem und privatem Eigentum sind ein Verbrechen", schrieb Mohammed Allush von der Rebellengruppe Jaish al-Islam am Montag im Kurzmitteilungsdienst Twitter. Die Beteiligten müssten einen "harten Schlag" auf die Hand erhalten. Auch der frühere Vorsitzende der Syrischen Nationalen Koalition (SNC), Khaled Khoja, verurteilte die Plünderungen in Afrin. Die türkische Offensive habe "unsere kurdischen und arabischen Brüder von der autoritären Herrschaft der YPG befreien" sollen, schrieb er auf Twitter. Für "Banditen und Wegelagerer" könne es unter den Rebellen keinen Platz geben.

Die humanitäre Lage Zehntausender Flüchtlinge in der Region verschärfte sich zugleich. Nach Angaben Al-Hassakas sind nun Hunderttausende Menschen in der Region auf der Flucht. Die UNO-Nothilfebüro OCHA hatte am Sonntag erklärt, fast 100.000 Menschen aus Afrin seien in benachbarten Gebieten als Vertriebene registriert worden.

"Zehntausende Menschen leiden in Afrin", twitterte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). "Verzweifelt und verängstigt fliehen täglich Tausende Menschen, die keinen Platz zum Übernachten, wenig Essen, Wasser und medizinische Versorgung haben." Das IKRK arbeitet mit dem Syrischen Roten Halbmond zusammen, um Decken und Mahlzeiten zur Verfügung zu stellen. Das IRK müsse in Afrin arbeiten können, forderte dessen Präsident Peter Maurer in Genf. Es brauche ungehinderten Zugang zu den Hunderttausenden Flüchtlingen in der von der türkischen Armee eingenommenen syrischen Region.





Schlagwörter

Syrien, Kurden, Afrin, Türkei

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-19 14:51:50
Letzte Änderung am 2018-03-19 22:09:10


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zahlreiche Tote nach Erdrutsch
  2. Mehr als 20 Tote und 60 Vermisste nach Erdrutsch
  3. Vietnams Präsident Tran Dai Quang gestorben
  4. Mehr als 200 Tote nach Fähr-Unglück in Tansania befürchtet
  5. Eine Taktikerin, keine Heldin
  6. USA verhängen Sanktionen gegen russischen Sicherheitsapparat
  7. Schwarze Fäuste, die Geschichte schrieben

Werbung




Werbung