• vom 16.04.2018, 20:01 Uhr

Weltpolitik


Japan

Schweres Gepäck für Shinzo Abe




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Japans Premier besucht US-Präsident Donald Trump. Im Handelstreit und in der Nordkorea-Frage stehen Abe schwierige Gespräche bevor - und auch innenpolitisch ist er angeschlagen.

Japans konservativer Regierungschef Abe wird versuchen, seinen Standpunkt in der Nordkorea-Frage deutlich zu machen.

Japans konservativer Regierungschef Abe wird versuchen, seinen Standpunkt in der Nordkorea-Frage deutlich zu machen.© reuters Japans konservativer Regierungschef Abe wird versuchen, seinen Standpunkt in der Nordkorea-Frage deutlich zu machen.© reuters

Tokio/Wien. (klh) Dieses Mal werden sie keine Runde Golf spielen. Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche besucht Japans Premier Shinzo Abe den US-Präsidenten Donald Trump auf dessen Anwesen Mar-a-Largo in Florida. Geplant sind verschiedene Arbeitsgespräche und ein gemeinsames Abendessen mit den Ehefrauen. Im Gegensatz zu früheren Treffen nehmen sich die beiden leidenschaftlichen Golfer aber keine Zeit für ein Spiel.

Dabei war im Verhältnis zwischen den USA und Japan schon von "Golf-Diplomatie" die Rede. Abe war einer der ersten Politiker, der Trump zu seinem Wahlsieg gratulierte, und schenkte dem Milliardär im Weißen Haus einen goldenen Golfschläger. Und auch sonst fand Japans Premier immer wieder äußerst lobende Worte für den andernorts umstrittenen US-Präsidenten.


Sorge, übergangen zu werden
Doch in japanischen Medien taucht nun immer mehr die Frage auf, ob sich Abe nicht zu devot gegenüber Trump verhalten hat. Denn gleich zwei Mal wurde Japan in den vergangenen Wochen durch die US-Politik am falschen Fuß erwischt: beim Handelsstreit, den Trump vom Zaun gebrochen hat, und auch bei der plötzlichen Annäherung zwischen den USA und Nordkorea. Abe wird nun versuchen, hier wieder Boden für Japan gutzumachen.

Doch das wird keine leichte Aufgabe: Japanische Diplomaten gehen davon aus, dass Trump in Handelsfragen einen harten Ton anschlagen und etwa die Politik des schwachen Yens, die japanische Exporte ankurbeln soll, kritisieren wird. Im vergangenen Monat hatte Trump Zölle auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren verhängt - und dabei Japan im Gegensatz zu anderen US-Handelspartnern wie der EU, Mexiko und Kanada nicht davon ausgenommen. Laut der japanischen Zeitung "Asahi" will Abe nun Trump Pläne erläutern, wie Japan seine Direktinvestitionen in den USA steigern will.

Außerdem könnte Abe versuchen, den Türöffner für die USA beim Freihandelspakt TPP zu spielen. Trump war aus dem von Barack Obama ausverhandelten Abkommen mit elf weiteren Pazifik-Anrainersatten ausgestiegen. Nun kann er sich eine Rückkehr der USA - unter geänderten Bedingungen - vorstellen.

In der Nordkorea-Frage wiederum sah sich Japan zuletzt übergangen. Trumps Ankündigung, dass er sich mit Nordkoreas Führer Kim Jong-un treffen will, war offenbar nicht mit Tokio abgesprochen - und hat dort auch nicht viel Freude ausgelöst. Abe vertritt den Standpunkt, dass maximaler Druck die beste Antwort auf Nordkoreas Atomwaffenprogramm ist.

Nun bestehen in Tokio große Befürchtungen, dass japanische Sicherheitsinteressen übergangen werden. Abe dringt darauf, dass ein Abkommen zwischen den USA und Nordkorea nicht nur Langstreckenraketen verbietet, sondern auch Mittel- und Kurzstreckenraketen, die Japan treffen könnten.

Gerüchte um Rücktritt Abes
Auch innenpolitisch wäre es für Abe wichtig, wenn er mit etwas Greifbarem von dem Treffen nach Hause kommt. Denn in seiner Heimat steht der Regierungschef mächtig unter Druck. So mehren sich Spekulationen über den baldigen Rücktritt des 63-Jährigen. Ex-Regierungschef Junichiro Koizumi sagte in einem am Montag veröffentlichten Interview des Magazins "Aera", Abe werde wahrscheinlich im Juni seinen Posten räumen.

Dem Konservativen wird vorgeworfen, in zwei Korruptionsaffären verwickelt zu sein: So sollen Freunde von Abe bei der Errichtung einer Tierarztschule bevorzugt worden sein. Zudem soll eine Volksschule, die beste Verbindungen zu Abes Ehefrau hat, öffentlichen Grund vergünstigt erhalten haben. Abe bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Doch in einer Umfrage für die Zeitung "Ashahi" gaben zwei Drittel der Wähler an, sie trauten den Unschuldsbeteuerungen nicht. Und in einer weiteren vom Sender Nippon TV veröffentlichten Befragung sank Abes Popularitätswert mit 26,7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seiner Amtsübernahme im Dezember 2012. Zudem haben am Wochenende in Tokio 50.000 Demonstranten den Rücktritt Abes gefordert.

Abgesänge auf Abe kämen aber zu früh: Der aus einer Polit-Dynastie stammende Regierungschef ist mit allen Wassern gewaschen und hat schon viele Krisen überstanden.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-16 18:06:16



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Zeichen stehen auf Krieg
  2. "Die Armen lassen sich nicht brechen"
  3. Dutzende Tote bei Selbstmordanschlag
  4. Spurensuche in Duma
  5. Polizei nahm Oppositionsführer fest
  6. Gewalttätige Proteste erschüttern Nicaragua
  7. Chemiewaffen-Inspektoren erstmals in Douma

Werbung




Werbung


Werbung