• vom 10.05.2018, 18:01 Uhr

Weltpolitik

Update: 11.05.2018, 12:11 Uhr

Südkorea

Revolutionsstimmung per Flaschenpost




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Nordkoreanische Aktivisten wollen von Südkorea aus einen Umsturz in ihrer alten Heimat auslösen.

Plastikflaschen werden mit Reis gefüllt, dazu kommt der USB-Stick.

Plastikflaschen werden mit Reis gefüllt, dazu kommt der USB-Stick.© Kretschmer Plastikflaschen werden mit Reis gefüllt, dazu kommt der USB-Stick.© Kretschmer

Seongmodo. Es ist ein Nebelverhangener Morgen, als Park Jeong-oh seinen blauen Pritschenwagen am Ende eines matschigen Trampelpfades parkt. Von hier aus, dem nördlichsten Zipfel der Insel Seongmo, ist die innerkoreanische Seegrenze nur mehr wenige Kilometer entfernt. "Wir haben nach Wegen gesucht, wie wir unsere Landsleute mit freien Informationen erreichen können. Alles, was wir dafür brauchen, ist die Gezeitenkraft des Meeres", sagt der Aktivist.

Seit zwei Jahren fährt er alle paar Wochen mit rund zwanzig Gleichgesinnten von der Hauptstadt Seoul aus an die koreanische Westküste. Alle eint ihre Herkunft aus Nordkorea - und der unbedingte Wille, das dortige Regime zu Fall zu bringen.


Park steigt auf die Ladefläche des Fahrzeugs, die mit reißfesten Säcken gefüllt ist. Er reicht die Fracht an mehrere Männer der Aktivistengruppe weiter, die sie zum felsigen Strand tragen. Dort sitzen bereits ältere Frauen und präparieren die Ladung: herkömmliche Plastikflaschen, die mit jeweils 700 Gramm Reis gefüllt sind. Darin sind jedoch noch weitere Objekte versteckt: jeweils ein USB-Stick mit acht Gigabyte Datenvolumen, auf denen südkoreanische Fernsehserien zu sehen sind, aber auch politische Reden von US-Präsident Donald Trump mit koreanischen Untertiteln sowie digitale Bibeln.

"Der USB-Stick kann dein ganzes Leben verändern", sagt Aktivist Park Jeong-oh.

"Der USB-Stick kann dein ganzes Leben verändern", sagt Aktivist Park Jeong-oh.© Kretschmer "Der USB-Stick kann dein ganzes Leben verändern", sagt Aktivist Park Jeong-oh.© Kretschmer

"Der Reis ernährt dich für ein, zwei Tage", sagt Aktivist Park: "aber der USB-Stick kann dein ganzes Leben verändern".

Der lebende Beweis ist Frau Lee, 70 Jahre, riesiger Strohhut, von Falten gegerbte Haut. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht preisgeben, denn in Nordkorea habe sie ihren Sohn und Mann zurückgelassen. Die Seniorin erinnert sich noch gut daran, als sie in den 90er Jahren in den Bergen ihres Heimatdorfes ein Flugblatt entdeckt hat. "Ich habe mich nicht getraut, es aufzulesen, weil ich wusste, dass mich das in Schwierigkeiten bringen könnte", sagt sie. Doch mit ihren Füßen habe sie den Flyer vorsichtig gewendet, bis sie die Botschaft darauf entziffern konnte: Karikaturen, die den damaligen Staatsführer Kim Jong-il als korrupten Autokraten zeichneten.

Doch nicht "bettelarm"



Den Inhalt hat sie als plumpe Propaganda abgetan, das Hochglanzpapier jedoch zutiefst beeindruckt. In Nordkorea habe es damals nur ganz vergilbtes Papier von miserabler Qualität gegeben. "Das hat mir zu denken gegeben, dass die Regierung uns nicht die Wahrheit erzählt. Damals hieß es nämlich, dass Südkorea bettelarm sei", sagt sie.

Bereits während des Kalten Krieges hat das südkoreanische Militär seine Grenzpropaganda als Teil der psychologischen Kriegsführung interpretiert. Per Heißluftballons wurden pro Jahr hunderttausende politische Botschaften in den Norden geschickt. Manchmal waren es nur Flugblätter mit leicht bekleideten Badenixen: "Kamerad! Lass uns zusammenleben! Ich warte auf dich in Seoul", stand auf einem Motiv aus den 90ern geschrieben. Während der Hungersnot in Nordkorea galten randvolle Supermarktregale als vorrangiges Motiv.

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Dokument erstellt am 2018-05-10 18:06:47
Letzte Änderung am 2018-05-11 12:11:17



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