• vom 11.05.2018, 18:12 Uhr

Weltpolitik

Update: 17.05.2018, 16:57 Uhr

Bagdad

Richtungswahl im Irak




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Der Schuhwerfer von Bagdad kandidiert für das neue irakische Parlament.

Wahlkampfveranstaltung in Bagdad. Der Irak wählt diesen Samstag ein neues Parlament. - © ap/H. Mizban

Wahlkampfveranstaltung in Bagdad. Der Irak wählt diesen Samstag ein neues Parlament. © ap/H. Mizban

Muntazer al-Zaidi kandidiert für einen Parlamentssitz.

Muntazer al-Zaidi kandidiert für einen Parlamentssitz.© M. Dhia Muntazer al-Zaidi kandidiert für einen Parlamentssitz.© M. Dhia

Bagdad. Muntazer al-Zaidi sitzt auf dem Sofa seines Hauses in Zafarania. Er will die Seiten wechseln. International bekannt wurde Zaidi, als er am 14. Dezember 2008 bei einer Pressekonferenz im Palast des Premiers in Bagdad seine Schuhe auszog und sie in Richtung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush warf mit den Worten: "Das ist ein Abschiedskuss, du Hund. Dies ist von den Witwen, Waisen und allen, die im Irak getötet worden sind." Bush ging in Deckung, der erste Schuh prallte hinter ihm an die Wand, den zweiten konnte Premier Nuri al-Maliki abfangen, ehe er Bush traf. Zehn Jahre später will der 39-jährige Journalist Zaidi in die Politik. Er kandidiert bei der Parlamentswahl diesen Samstag, die über die Zukunft des Irak entscheiden könnte.

Zafarania liegt im Südosten Bagdads, ist ein Arbeiterbezirk und mehrheitlich von Schiiten bewohnt. Hier wird das einzige Bier des Irak, Farida, gebraut. Als die religiösen Fundamentalisten nach dem US-Einmarsch 2003 im Irak auf dem Vormarsch waren, wurden vor der Brauerei alle Schilder abgenommen, die Eisentore fest verschlossen, der Direktverkauf eingestellt. Nur noch über Großhändler konnte der durchaus passable Gerstensaft erstanden werden. Alkohol ist für strenggläubige Muslime "haram", verboten.


Autobomben gehörten in Zafarania jahrelang zum Alltag. Jetzt ist es ruhiger geworden. Wie überall in Bagdad sind auch hier die Straßen voller Menschen, die Märkte gut besucht. Auch Zaidis Leben hat sich entspannt. Vor zwei Monaten kehrte er aus dem Exil im Libanon zurück, um sich nun für einen der 337 Parlamentssitze zu bewerben. Er steht auf der Liste von Sa’irun, einem Zusammenschluss von sechs völlig unterschiedlichen Parteien, der buntesten Mischung in der derzeit zerklüfteten und wild durcheinandergewirbelten politischen Landschaft im Irak, die im Umbruch ist.

Die religiöse Schiitenallianz ist zerbrochen, der kurdische Block zerbröselt, die Sunniten haben keine eigene Partei oder Allianz mehr und sind auf alle Listen verteilt. Sogar der jetzige Premier Haider al-Abadi und sein Vorgänger Maliki, einst Parteifreunde, kandidieren nun auf verschiedenen Listen. Die Tendenz: Abkehr von der Religion, hin zu Säkularität und Liberalität und vor allem weg vom Proporz, der von US-Administrator Paul Bremer eingeführt wurde und den Irak bisher politisch dominiert hat.

Einfluss des Iran könnte
einen Dämpfer bekommen

Sollte das Wählerverhalten tatsächlich dem zu beobachtenden Trend entsprechen, wäre dies ein Votum gegen die Machtverteilung entlang ethnischer und religiöser Linien, ein Novum für den Irak. Der Schuhwerfer von Bagdad hätte dann eine reelle Chance, Abgeordneter zu werden, und der Einfluss des Iran im Irak bekäme einen erheblichen Dämpfer, da er sich auf die religiös dominierten Parteien begründet.

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Dokument erstellt am 2018-05-11 18:18:51
Letzte Änderung am 2018-05-17 16:57:58



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