• vom 04.06.2018, 18:07 Uhr

Weltpolitik

Update: 04.06.2018, 18:16 Uhr

Atomstreit

"Der Iran will weitere sechs Millionen Juden umbringen"




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  • Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wirbt auf seiner dreitägigen Europa-Reise für noch mehr Härte gegenüber Teheran. Die Europäer wollen allerdings nicht von ihrem Kurs abweichen.

Zum Auftakt seiner Europa-Reise traf Netanjahu in Berlin mit Kanzlerin Merkel zusammen. - © reuters/Axel Schmidt

Zum Auftakt seiner Europa-Reise traf Netanjahu in Berlin mit Kanzlerin Merkel zusammen. © reuters/Axel Schmidt

Berlin/Jerusalem. (rs) Wie weit man derzeit auseinandersteht, ließ sich wohl am deutlichsten in den ersten Stunden nach der amerikanischen Aufkündigung des Atom-Deals beobachten. Während Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump als "mutig und richtig" lobte, herrschte in Berlin, Paris und London vor allem Bestürzung darüber, dass sich die USA nun tatsächlich aus dem so mühsam mit dem Iran ausverhandelten Abkommen zurückziehen.

Noch vor dem Beginn seiner ganz im Zeichen des Iran-Konflikts stehenden Europa-Reise hat Netanjahu daher versucht, keine allzu hohen Erwartungen aufkommen zu lassen. "Es kann sein, dass es bei diesem Thema im Moment keine völlige Übereinstimmung gibt", sagte der israelische Ministerpräsident, bevor er sich am Montag ins Flugzeug nach Berlin setzte, um dort am Nachmittag die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu treffen.


Einig waren sich Merkel und Netanjahu nach ihrem knapp eineinhalbstündigen Gespräch in erster Linie darin, dass die Aktivitäten Teherans im Nahen Osten eine Bedrohung für die Sicherheit Israels darstellen. "Der regionale Einfluss des Iran ist besorgniserregend", sagte die Kanzlerin, die bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Netanjahu im Berliner Kanzleramt aber ebenfalls keinen Hehl aus den verschiedenen Ansichten machte. Man habe das selbe Ziel, aber es gibt Uneinigkeit über den Weg, sagte Merkel.

Dass ein umfassenderer Konsens mit den Europäern derzeit schwierig zu finden ist, liegt vor allem daran, dass Netanjahu den US-Ausstieg aus dem Atom-Deal nur als ersten Schritt betrachtet. Denn während sich die Europäer derzeit fieberhaft darum bemühen, das Abkommen trotz der angekündigten US-Sanktionen doch noch irgendwie am Leben zu erhalten, wünscht sich Netanjahu, der am Dienstag und Mittwoch noch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britischen Premierministerin Theresa May zusammentreffen wird, eine weitere Erhöhung des Drucks auf Teheran. "Die größte Herausforderung für die Welt sind militante islamische Staaten, vor allem wenn sie wie im Fall des Irans nach Atomwaffen streben", erklärte Netanjahu am Montag in Berlin. Dem Iran gehe es darum, weitere sechs Millionen Juden umzubringen.

Bedrohung an
mehreren Fronten

Israel fühlt sich durch den Iran, der in der Vergangenheit schon mehrmals mit der Zerstörung des jüdischen Staates gedroht hat, gleich an mehreren Fronten massiv bedroht. So hat Netanjahu der Islamischen Republik vor kurzem vorgeworfen, umfangreiche Forschungen zum Bau einer Atombombe für einen möglichen künftigen Gebrauch heimlich aufbewahrt zu haben. "Das Atomabkommen basiert auf Lügen", sagte Netanjahu, der sich in seiner Rede Ende April auf "schlüssige Beweise" der israelischen Geheimdienste berief.

Sorgen bereitet dem israelischen Regierungschef zudem der wachsende iranische Einfluss im Bürgerkriegsland Syrien. Als verlängerter Arm Teherans hat sich die libanesische Hisbollah in den vergangenen Jahren in Syrien zu einer der stärksten Mächte entwickelt. Ihre Truppen kontrollieren wichtige Teile des Landes und ohne ihre Hilfe hätte Syriens Machthaber Bashar al-Assad den Bürgerkrieg wahrscheinlich verloren. Unterstützt wird die Hisbollah von iranischen Kräften, die dort offiziell als "Militärberater" im Einsatz sind. Mit Hilfe der Miliz ist es dem Iran gelungen, einen Landkorridor zu errichten, der vom Libanon am Mittelmeer über Syrien und den Irak bis nach Teheran reicht - eine Route, über die vergleichsweise einfach Waffen und Truppen transportiert werden können.

Beide Seiten befinden sich damit auf einem gefährlichen Kollisionskurs, der nach Auffassung vieler Experten bereits der Vorbote eines neuen Krieges sein könnte. Denn seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 verfolgt Israel zwar offiziell eine Politik der Nichteinmischung, fliegt jedoch immer wieder Luftangriffe auf Ziele in dem nördlichen Nachbarland, die sich laut Berichten vor allem gegen die Hisbollah, aber auch direkt gegen iranische Stellungen richten. Bei einer Vergeltungsaktion für einen iranischen Raketenangriff auf die von Israel besetzten Golan-Höhen kamen dabei zuletzt mehr als 20 Menschen ums Leben.




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Dokument erstellt am 2018-06-04 18:13:13
Letzte Änderung am 2018-06-04 18:16:16



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