• vom 11.07.2018, 13:31 Uhr

Weltpolitik

Update: 11.07.2018, 13:44 Uhr

Nato-Gipfel

Trump redet sich gegen Deutschland in Rage




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (19)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA, AFP, dpa, Reuters

  • "Deutschland wird vollkommen durch Russland kontrolliert", sagte Trump vor bei einem Frühstück mit Stoltenberg.

Trump als riesiges, oranges Baby. Während Trump in Brüssel über Deutschland schimpft, wird in London gegen den US-Präsidenten demonstriert. - © APAweb / AFP, Isabel INFANTES

Trump als riesiges, oranges Baby. Während Trump in Brüssel über Deutschland schimpft, wird in London gegen den US-Präsidenten demonstriert. © APAweb / AFP, Isabel INFANTES

Brüssel. US-Präsident Donald Trump hat den NATO-Gipfel mit einer Tirade gegen Deutschland begonnen. Bei einem Treffen mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, warf er Deutschland am Mittwoch in Brüssel vor, wegen der Abhängigkeit von Gaslieferungen "Gefangener Russlands" zu sein. Deutschland lasse sich dann von der NATO vor Russland beschützen, ohne selbst genug für Verteidigung zu zahlen.

Die 29 Staats- und Regierungschefs der NATO kommen am Mittag in Brüssel zu ihrem zweitägigen Gipfel zusammen. Sie wollen im Hauptquartier der Militärallianz unter anderem Beschlüsse zu schneller einsetzbaren Militärverbänden, neuen Kommandozentralen und einer erweiterten Ausbildungsmission im Irak fassen. Trump hatte aber schon im Vorfeld klargemacht, dass er über die niedrigen Verteidigungsausgaben mehrerer europäischer Verbündeter sprechen wolle, insbesondere Deutschlands.

Trump kritisiert niedrige Militärausgaben Deutschlands

"Deutschland wird vollkommen durch Russland kontrolliert", sagte Trump vor dem Treffen bei einem Frühstück mit Stoltenberg unter Verweis auf die Abhängigkeit von russischen Öl- und Gaslieferungen. "Sie zahlen Milliarden Dollar an Russland und dann müssen wir sie gegen Russland verteidigen."

Er finde das deutsche Verhalten "sehr unangemessen", fuhr Trump fort, der sich über mehr als fünf Minuten in Rage redete. Dies gelte auch dafür, dass Deutschland "nur etwas über ein Prozent" seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgebe. Dies sei "eine sehr schlechte Sache für die NATO". Darüber müsse mit Deutschland gesprochen werden. Die deutsche Bundesregierung müsse ihre Verteidigungsausgaben "sofort" erhöhen, forderte Trump. "Deutschland ist ein reiches Land (...) Sie könnten es sofort morgen machen, ohne ein Problem zu bekommen."

Die NATO-Länder hatten sich 2014 bei ihrem Gipfel in Wales das Ziel gesetzt, ihre Verteidigungsausgaben binnen eines Jahrzehnts "Richtung zwei Prozent" zu steigern. Trump interpretiert dies als Verpflichtung, bis 2024 "mindestens" zwei Prozent zu schaffen und wirft Deutschland und anderen Verbündeten vor, sich auf Kosten der USA beschützen zu lassen.

Stoltenberg kann Trump nicht stoppen

Deutschlands Verteidigungsausgaben werden nach jüngsten NATO-Schätzungen in diesem Jahr weiter bei 1,24 Prozent liegen. Bis 2024 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Erhöhung auf 1,5 Prozent zugesagt.

NATO-Generalsekretär Stoltenberg konnte Trump in seiner Tirade gegen Deutschlands nicht stoppen. "Trotz dieser Meinungsverschiedenheiten" sei es den NATO-Verbündeten immer gelungen, sich bei der Kernaufgabe der NATO einig zu sein, setzte er einmal an. Und selbst im Kalten Krieg habe es Handel mit der Sowjetunion gegeben.

"Energie ist eine ganz andere Geschichte als normaler Handel", widersprach Trump. Er kritisierte ausdrücklich auch die Pläne für die geplante Gaspipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland. Es sei "sehr traurig", dass Deutschland solche Deals abschließe, sagte der US-Präsident. "Sie machen Russland nur reich."

Stoltenberg erwartet sich "offene und ehrliche Diskussion"

Trump verwies auch darauf, dass Deutschlands Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Nord Stream AG ist. Nord Stream 2 soll Gas aus Russland durch die Ostsee nach Deutschland bringen. Trump verwies auf osteuropäische Länder, die gegen die Pipeline seien. So wolle Polen kein solches Gas, um "nicht Gefangener Russlands" zu werden.

Stoltenberg sagte nach dem Frühstück, er erwarte eine "offene und ehrliche Diskussion" beim Gipfel. Er sieht den Streit über die Erdgaspipeline Nord Stream 2 nicht als Thema für die NATO. "Die Entscheidung liegt nicht bei der NATO, das ist eine nationale Entscheidung", sagte Stoltenberg. Zu dem deutsch-russischen Erdgasprojekt gebe es unterschiedliche Meinungen, doch sei das nicht Sache der NATO. Wichtig seien für alle NATO-Partner allerdings Energiesicherheit und eine Vielfalt von Energiequellen.

Deutschland reagiert gelassen

Deutschlands Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat gelassen auf die Angriffe von Trump auf Deutschland gelassen reagiert. "Wir haben uns jetzt fast schon daran gewöhnt", sagte sie am Mittwoch kurz vor Beginn des NATO-Gipfels in Brüssel mit Blick auf die scharfe Kritik Trumps an Deutschland. "Wir kommen damit zurecht." Sie verneinte die Frage, ob sie sich von Trump unfair als Zielscheibe unter den Bündnispartnern herausgepickt sehe.

Trumps Kritik sei in gewisser Weise berechtigt, sagte von der Leyen. Dennoch bekräftigte sie, den Fokus nicht nur auf das sogenannte Zwei-Prozent-Ziel der NATO zu richten. Von der Leyen appellierte dabei an den unternehmerischen Geist von Trump. "Ich hätte gern, dass der Geschäftsmann Donald Trump nicht nur auf die Bilanzaufstellung schaut, sondern auch auf den Ertrag", sagte sie. Deutschland sei etwa zweitgrößter Nettozahler und zweitgrößter Truppensteller in der NATO. Sie würde es sehr begrüßen, wenn der Fokus stärker auf Fähigkeiten und Beiträge zum Bündnis gerichtet würde. Die Ministerin warnte die Allianz vor einer Spaltung, denn davon würden nur Russland und China profitieren.





4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-11 13:37:45
Letzte Änderung am 2018-07-11 13:44:43


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Neuer Ärger für Trump
  2. Ahlams Traum
  3. Hamas rief Gaza-Waffenruhe mit Israel aus
  4. Jedes Sandkorn zählt
  5. "Okay, das wird speziell" - Trump lädt Putin ins Weiße Haus
  6. Trump erhebt schwere Vorwürfe
  7. Holocaust-Leugner dürfen posten

Werbung




Werbung