• vom 29.07.2018, 07:30 Uhr

Weltpolitik


Verteidigung

"Die Europäer haben Angst"




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Von Michael Schmölzer und Gerhard Lechner

  • US-Präsident Trump hat nicht viel für die Nato übrig. Kann eine eigene EU-Verteidigung das Militärbündnis ersetzen?

US-Soldaten bei einem Nato-Manöver in Bulgarien. - © afp/Dilkoff

US-Soldaten bei einem Nato-Manöver in Bulgarien. © afp/Dilkoff

Washington/Brüssel. Welchen Stellenwert hat die Nato für US-Präsident Donald Trump? Für Generalleutnant Wolfgang Wosolsobe, bis 2016 Generaldirektor des Militärstabs der Europäischen Union, ist der Fall klar: "Das westliche Verteidigungsbündnis ist in Trumps Denken eine vernachlässigbare Größe", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Trump sieht die Nato nicht als wesentlichen Bestandteil der US-Außenpolitik." Bevor der US-Präsident auf die Nato zurückgreife, "würde er noch eher eine Ad-hoc-Koalition mit jenen Ländern eingehen, die bereitstellbare Mittel haben und von denen klar ist, dass sie weiter an einer Zusammenarbeit mit den USA stark interessiert sind", so Wosolsobe.

Schlechte Zeiten also für das Bündnis, das zu Zeiten des Kalten Krieges Garant für Freiheit und Demokratie in der westlichen Hemisphäre war. Stand "Uncle Sam" stets als wichtigster Partner Gewehr bei Fuß, ist jetzt das Gegenteil eingetreten. Trump hat die Europäer das Fürchten gelehrt, das Vertrauen in die USA ist weg, man fühlt sich in der EU von Washington wie ein säumiger Schuldner, oder, schlimmer noch, wie ein Gegner behandelt, während Trump Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin offenbar positiv gegenübersteht.


"Die Europäer haben Angst, und sie sind deshalb auch immer nachgiebig gegenüber Trump, wenn er die Nato-Karte ausspielt", sagt der österreichische Politologe und USA-Experte Heinz Gärtner. Er verweist darauf, dass sich die USA bereits vor dem Rückzug Trumps von Europa abgewandt haben. "Schon Präsident Barack Obama hat angekündigt, dass sich die USA mehr und mehr auf Asien konzentrieren wollen", sagt Gärtner. "Den Europäern wurde auch signalisiert: Um die Ukraine müsst ihr euch selber kümmern." In der Tat spielt Europa bei den Rüstungsausgaben der USA nur eine marginale Rolle: "Nur fünf bis maximal 20 Prozent der Militärausgaben der USA werden für die Verteidigung Europas aufgewendet - und da ist das teure Raketenabwehrsystem der USA in Osteuropa schon inbegriffen", weiß der Experte. "Die USA blicken in erster Linie auf China. Bei Trump spielt noch ein starker Isolationismus mit, der in der Außenpolitik der USA aber auch eine lange Tradition hat. Man will sich nicht in zu viele Bündnisverpflichtungen verwickeln", analysiert Gärtner. Er verweist auch darauf, dass die Nato von den USA sehr widerwillig mitgegründet wurde. "Man hat damals gesagt, wir wollen nicht wieder in einen Krieg in Europa hineingezogen werden. Erst als ein Putsch in Prag die Kommunisten an die Macht brachte, haben die USA den Nato-Beistandsverpflichtungen zugestimmt."

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Dokument erstellt am 2018-07-27 18:05:15


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