• vom 30.07.2018, 20:01 Uhr

Weltpolitik

Update: 31.07.2018, 08:22 Uhr

Kairo

Rette sich, wer kann




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Präsident Abd al-Fattah al-Sisi lässt eine Verwaltungsmetropole aus dem Boden stampfen.

Bauarbeiten für die neue Hauptstadt Ägyptens, rund 40 Kilometer östlich von Kairo. - © afp/Khaled Desouki

Bauarbeiten für die neue Hauptstadt Ägyptens, rund 40 Kilometer östlich von Kairo. © afp/Khaled Desouki

Kairo. Modern, sauber und smart soll sie sein, die neue Hauptstadt Ägyptens. Geht es nach den Plänen von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi, wird die Baustelle an der Autobahn von Kairo nach Suez in wenigen Jahren das Zentrum von Politik, Verwaltung und Business sein, mit Wohnungen für fünf Millionen Menschen. Eine noch namenlose Alternative zum alten Kairo, mit seinen maroden Gebäuden, den täglichen Staus und der verpesteten Luft.

Es ist nicht das erste Megaprojekt, das Al-Sisi aus dem Boden stampft. Eine neue Fahrrinne, um den Schiffsverkehr am Suezkanal zu beschleunigen, eröffnete er 2015 nach nur einem Jahr Bauzeit. Die Arbeiten am "größten archäologischen Museum der Welt" nahe den Pyramiden sollen noch heuer abgeschlossen sein. Und auch bei der neuen Hauptstadt wird nicht mit Mega-Landmarks gespart: Die Hauptmoschee mit 70 Meter hohen Minaretten bietet Platz für 8000 Gläubige. Sie ist damit die größte Moschee Ägyptens, wie auch die koptische Kathedrale einer der größten christlichen Sakralbauten des Nahen Ostens sein soll. Neben einer Industriezone und dem neuen Flughafen wird es einen Vergnügungspark geben, viermal so groß wie Disneyland in Kalifornien. Für das Stadtzentrum ist eine Parkanlage mit See vorgesehen, doppelt so groß wie New Yorks Central Park. Und über allem erhebt sich ein 345 Meter hoher Wolkenkratzer, der, einmal fertiggestellt, das höchste Gebäude am afrikanischen Kontinent sein wird. Ein Straßennetzwerk von 650 Kilometern Länge und eine elektrische Bahn, die die neue Hauptstadt mit dem alten Kairo verbindet, sorgen für fließenden Verkehr. Die Angaben zu den Kosten für das Bauprojekt schwanken zwischen 45 und 80 Milliarden US-Dollar. Sie müssen für jede Bauphase des Projekts neu kalkuliert werden, erklärte ein Pressesprecher des Bauministeriums der Zeitung "The Guardian". Zu den Investoren zählen neben ägyptischen Unternehmen Golfstaaten und China. Diese finanzieren den Bau von Gebäuden und Infrastruktur, um diese anschließend zu verkaufen oder zu vermieten. Beteiligt ist auch das ägyptische Militär, das große Teile der (Bau-)Wirtschaft kontrolliert und im Besitz der 700 Quadratkilometer Land ist, auf dem die neue Hauptstadt wächst.


Luftschlösser bauen
Die Bevölkerung Kairos wächst und es braucht neue Wohnungen, daran führt kein Weg vorbei. In der Großregion Kairo lebten im Jahr 2016 offiziell 23 Millionen Menschen. Bis zum Jahr 2050 soll die Bevölkerung auf 40 Millionen anwachsen. Die neue Hauptstadt ist nicht das erste Bauprojekt dieser Art. Einzelne Projekte gab es bereits in den 70ern. Unter Präsident Hosni Mubarak wuchsen ab Mitte der 90er Jahre weitere Satellitenstädte im Umkreis Kairos aus dem Wüstenboden. Allerdings sind diese in großen Teilen bis heute Geisterstädte. Erstens, weil die Wohnungen für sehr viele Ägypter zu teuer sind, und zweitens, weil ein erheblicher Teil der Wohnanlagen als Investitionsobjekte erworben wurden. Doch die Besiedlung erfolgte langsam, auch weil die Planung der Städte völlig an den Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner vorbei geschah. Es gibt zu wenig Platz für Geschäfte und Dienstleister und bis auf Minibusse keine öffentlichen Verkehrsmittel, die Kairo mit den Satellitenstädten verbinden. Viele der neuen Bewohner pendeln zu ihren alten Jobs nach Kairo, was die täglichen Staus in der Hauptstadt noch verstärkt. Zahlreiche Experten lehnen daher den Bau einer neuen Hauptstadt ab. Sinnvoller wäre es, bestehende Städte durch Infrastruktur-Projekte aufzuwerten und die Satellitenstädte rund um Kairo an das öffentliche Verkehrsnetz (U-Bahn) anzubinden. Doch Al-Sisi hat in geheimen Verhandlungen mit Beratern und Geldgebern anders entschieden, öffentliche Ausschreibungen für die einzelnen Bauprojekte gibt es keine.

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Dokument erstellt am 2018-07-30 17:02:18
Letzte Änderung am 2018-07-31 08:22:00


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