• vom 30.07.2018, 18:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 30.07.2018, 18:51 Uhr

Simbabwe

"Es ist Zeit für einen radikalen Wechsel"




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  • In Simbabwe tritt Robert Mugabe nicht mehr an. Die Wahl ist eine Richtungsentscheidung

Nach seinem Sturz war Robert Mugabe monatelang von der Bildfläche verschwunden. Nun hat der 94-Jährige nicht nur seine Stimme abgegeben, sondern auch eine Wahlempfehlung für die Opposition.

Nach seinem Sturz war Robert Mugabe monatelang von der Bildfläche verschwunden. Nun hat der 94-Jährige nicht nur seine Stimme abgegeben, sondern auch eine Wahlempfehlung für die Opposition.© afp Nach seinem Sturz war Robert Mugabe monatelang von der Bildfläche verschwunden. Nun hat der 94-Jährige nicht nur seine Stimme abgegeben, sondern auch eine Wahlempfehlung für die Opposition.© afp

Harare. (rs) Das Warten in der Schlange ist für die Menschen in Simbabwe schon längst zur Gewohnheit geworden. Egal ob vor dem Geldautomaten oder den lokalen Büros der Sozialversicherung, immer wieder muss man sich anstellen, um vielleicht diesmal die kaum zum Leben reichende Pension zu bekommen oder ein paar der kleinen Dollar-Scheine, die wegen der galoppierenden Inflation im Land mittlerweile das Hauptzahlungsmittel sind. Allerdings blieb das stundenlange Warten oft unbelohnt, die ehemalige Kornkammer des südlichen Afrikas ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten so heruntergewirtschaftet worden, dass der praktisch bankrotte Staat selbst schon an den grundlegendsten Dingen scheitert.

Viele Menschen in Simbabwe dürften sich am Montag daher mit durchaus gemischten Gefühlen in eine der vielen Schlangen gestellt haben, die sich vielerorts schon vor Sonnenaufgang bildeten. Doch anders als in den langen Reihen vor den Geldautomaten oder Sozialversicherungsbüros gab es für die Simbabwer an diesem Tag zumindest die theoretische Chance auf einen Neubeginn. Denn die am Montag abgehaltene Präsidentschaftswahl war nicht nur die erste Abstimmung seit knapp vier Jahrzehnten, bei der der vom Militär gestürzte Langzeitmachthaber Robert Mugabe nicht mehr zur Wahl stand.

Laut den Umfragen lag Oppositionsführer Nelson Chamisa mit 37 Prozent auch nur drei Prozentpunkte hinter Mugabes langjähriger rechter Hand und nunmehrigem Nachfolger Emmerson Mnangagwa.

Ein Teil der alten Garde

"Es ist Zeit für einen radikalen Wechsel in Simbabwe", sagte die 38-jährige Miriam Mundaringisa, die in einem der ärmeren Viertel der Hauptstadt Harare ihre Stimme abgegeben hat. Vollziehen kann diesen Wechsel ihrer Ansicht nach nur der 40-jährige Chasima vom Oppositionsblock MDC. "Wir brauchen nicht Mnangagwas falsche Versprechen, sondern ein neues Simbabwe", erklärte Mundaringisa.

Ob sich die Hoffnungen der 38-Jährigen erfüllen lassen, wird sich aber wohl erst in den nächsten Tagen zeigen, wenn die Wahlkommission die ersten offiziellen Ergebnisse vorlegen will. Doch auf eine endgültige Entscheidung werden die Simbabwer wohl noch länger warten müssen, denn die wahrscheinlich nötige Stichwahl zwischen Mnangagwa und Chamisa ist erst für den 8. September angesetzt.

Sollte Chamisa tatsächlich gewinnen, wäre das eine historische Zäsur für Simbabwe. Denn Mnangagwa, der Mugabe im November nach 37 Jahren an der Macht mit Hilfe des Militärs aus dem Amt gedrängt hatte und seither den geläuterten Reformer gibt, gehört nicht nur zu den Veteranen der von der Unabhängigkeitsbewegung zur Regierungspartei gewordenen Zanu-PF. Der heute 75-Jährige war auch über Jahrzehnte Teil der obersten politische Kaste Simbabwes. So wurde Mnangagwa bereits 1980, als Mugabe die ehemalige britische Kolonie in die Unabhängigkeit führte, Minister für Nationale Sicherheit. Später wurde er Geheimdienst-Chef und Verteidigungsminister. Aus dieser Zeit, in die auch die Massaker in Matabeleland mit tausenden Toten fallen, stammt sein Spitzname "das Krokodil" - ein Tier, das in der Kultur Simbabwes für Listigkeit und Rücksichtslosigkeit steht.

Wahlen in Simbabwe

© APA Wahlen in Simbabwe© APA

Chamisa, ein gelernter Jurist und eloquenter Pastor, hat sich dagegen schon früh auf die Seite der Mugabe-Gegner geschlagen. In den späten 1990er Jahren organisierte er Demonstrationen gegen die Regierung. Im Jahr 2007 wurde er mit Knüppeln und einer Eisenstange krankenhausreif geprügelt, wahrscheinlich von Zanu-PF-Schlägern. Doch trotz seines vergleichsweise jungen Alters kann auch Chamisa bereits auf eine lange politische Karriere zurückblicken. Als Ziehsohn des Parteigründers Morgan Tsvangirai stieg er schnell innerhalb der MDC auf, um dann schließlich nach Tsvangirais frühem Tod im Februar die Partei zu übenehmen.

Ob Chamisa Mnangagwa in der zu erwartenden Stichwahl tatsächlich gefährlich werden kann, wird auch davon abhängen, ob es Druck und Einschüchterungsversuche seitens der Regierung gibt. So war der Durchgang am Montag laut ausländischen Wahlbeobachtern zwar die freieste und fairste Abstimmung in Simbabwe seit vielen Jahren, die Opposition beklagte aber dennoch zahlreiche Unregelmäßigkeiten wie gefälschte Wählerlisten und zwielichtige Stimmzettel. Chamisa zufolge sind zudem vor allem in den urbanen Regionen, wo die MDC stark ist, Wähler an der Stimmabgabe gehindert worden.

Unterstützung bekam Chamisa dafür ausgerechnet von Robert Mugabe. Der 94-Jährige, der in seiner Amtszeit oft auf äußerst brutale Weise gegen die MDC vorgegangen war, hatte nach vielen Monaten, in denen er vollkommen von der Bildfläche verschwunden war, am Sonntag mit einer überraschenden Wahlempfehlung aufhorchen lassen. "Ich kann nicht für jene stimmen, die mich schikaniert haben", sagte Mugabe mit Verweis auf Mnangagwa. Daher gebe es neben Chamisa kaum andere Optionen.





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Dokument erstellt am 2018-07-30 18:11:21
Letzte Änderung am 2018-07-30 18:51:54


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