• vom 16.08.2018, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 16.08.2018, 07:32 Uhr

Niger

"Die Toten in der Wüste sieht niemand"




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Von Michael Ortner

  • Care-Länderdirektor Ely Keita über die anhaltende Terrorgefahr, das explodierende Bevölkerungswachstum und warum der Staat das Schlepperwesen nicht stoppen kann.

"Derzeit gibt es mehr als 2,5 Millionen Menschen in Niger, deren Ernährung nicht gesichert ist", sagt Ely Keita. - © Michael Ortner

"Derzeit gibt es mehr als 2,5 Millionen Menschen in Niger, deren Ernährung nicht gesichert ist", sagt Ely Keita. © Michael Ortner



Care unterstützt die Menschen in der Landwirtschaft.

Care unterstützt die Menschen in der Landwirtschaft.© Care Care unterstützt die Menschen in der Landwirtschaft.© Care

Wien. Niger zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die Bevölkerung ist bitterarm und wächst rasant. Hungerkrisen und Terrorgruppen bedrohen das Land. Niger ist aber auch das Drehkreuz für Migranten nach Europa. Tausende durchqueren die Wüste nach Norden. Die EU fordert deshalb, dass Niger stärker seine Grenzen kontrolliert - für den ohnehin überforderten Staat eine aussichtslose Aufgabe. Ely Keita, Länderdirektor für Niger der Hilfsorganisation Care, erklärt im Interview, warum die Grenzsicherung unmöglich ist.

"Wiener Zeitung": Welche Rolle spielt Niger für die Migration von Afrika nach Europa?

Information

Ely Keita ist Länderdirektor der Hilfsorganisation Care in Niger. Er hat mehr als 27 Jahre Erfahrung in Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Sein Team unterstützt die Bevölkerung unter anderem mit Lebensmittelgutscheinen, Pflanzensamen und Hygienekits.

Ely Keita: Die meisten Migranten wollen in die Stadt Agadez im Norden des Landes. Von dort aus versuchen sie mit Hilfe von Schmugglern durch die Wüste zu kommen. Das läuft alles geheim ab: Wer Schlepper ist, wird durch Mundpropaganda verbreitet. Wir nennen sie im Französischen "passeur". Die passeurs kennen die Wüste sehr genau. Sie wissen, wo sie fahren müssen. Sind sie erst einmal mit den Migranten unterwegs, verlangen sie mitten in der Wüste nach noch mehr Geld. Sie erpressen die Menschen, indem sie ihnen drohen, sie in der Wüste zurückzulassen.

Wie hat das Gesetz gegen illegale Migration vom Mai 2016 die Situation verändert?

Es gibt an jeder größeren Busstation eine große Werbefläche, auf der gewarnt wird: Wer jemanden bei der illegalen Migration hilft, begeht ein Verbrechen. Wer erwischt wird, muss eine Strafe zahlen oder wandert ins Gefängnis. Trotzdem umgehen die Menschen das Gesetz. Für die passeurs geht es schließlich ums Geschäft. Was ist ihre Alternative? Es gibt keine anderen Einkommensquellen. Denn der Terrorismus von Al-Kaida und Co. hat den Tourismus in der Region zerstört.

War Agadez denn ein Touristenort?

Ja, vor der Rebellion der 1990er-Jahre und der Al-Kaida-Bewegung. Das Geld der Touristen half den Menschen. Heute haben sie keine Perspektive mehr. Viele der Männer, die jetzt als Schlepper arbeiten, fuhren früher die Touristen zu den Sanddünen.

Ist es überhaupt möglich, die Grenzen Nigers zu kontrollieren?

Die Schlepper kennen die Routen des Militärs und weichen dementsprechend aus. Es geht darum, Informationen zu teilen. Sicherheitskräfte haben Verwandte in der Stadt, manche plaudern aus, auf welche Routen sie fahren. Vergessen Sie außerdem nicht, dass der nördliche Nachbar Libyen ein failed state ist. Selbst für die nigrische Armee gibt es Regionen, in die sie nicht fährt, weil bewaffnete Milizen dort operieren. Deshalb ist es unmöglich für die Regierung, die Grenzen zu kontrollieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-15 15:02:40
Letzte Änderung am 2018-08-16 07:32:07


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