• vom 23.08.2018, 09:00 Uhr

Weltpolitik


Israel

Die Fahrt




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Von Franziska Grillmeier

  • Ahmad aus dem Jordantal hat Leukämie. Ohne Noam aus Jerusalem wäre seine Behandlung nicht möglich. Seit Monaten stehen beide jeden zweiten Tag im Stau und erzählen einander vom Leben.

Noam und Ahmad (r.) auf dem Weg ins Krankenhaus. - © F. Grillmeier

Noam und Ahmad (r.) auf dem Weg ins Krankenhaus. © F. Grillmeier

Jerusalem. Noam überholt das Auto auf dem rechten Seitenstreifen, kurbelt das Fenster herunter und schreit: "Haben Sie es eilig?"

"Ja!", brüllt der Fahrer und schließt zu seinem Vordermann auf. Beide Autos stehen in der Mittagssonne nebeneinander, bis die Ampel auf Grün springt. "Wenn diese Stadt nicht durch seine Menschen erstickt, dann am Stau", sagt Noam und zündet sich eine Zigarette an. Es ist 13.23 Uhr. "Ahmad wartet jetzt schon bestimmt zwei Stunden in der Hitze" sagt Noam, drückt die Zigarette am Fenstergummi aus und schraubt am Radio. "Aber das tut er ja sein ganzes Leben schon."


Eine halbe Stunde später zieht er die Handbremse auf dem Parkplatz des Hadassa-Krankenhauses auf dem Skopusberg in Ost-Jerusalem an. Ein Sicherheitsbeamter schielt ins Auto. Noam hält einen blauen Wisch ans Fenster, mit dem er überall auf dem Gelände parken darf. Er ist bis September gültig. So lange soll die Behandlung von Ahmad dauern.

Der junge Beduine sitzt vor dem Krankenhauseingang. Er steigt schnaufend ein. "Ich bekomme hier nur die israelischen Sender rein", sagt Noam. "Lass sie laufen", antwortet Ahmad, "es ist ja nicht die Musik, die hier verrückt spielt." Er dreht seinen Rücken zum Fenster. Für drei Monate darf er nicht in die Sonne.

Ahmad, ein 27-jähriger Beduine aus dem Jordantal, war vor seiner Leukämieerkrankung noch nie auf der anderen Seite der 700 Kilometer langen Betonmauer, die Israel um die 2,8 Millionen Menschen im Westjordanland gezogen hat - als Reaktion auf palästinensische Selbstmordattentate. Die Mauer schneidet die palästinensischen Dörfer entzwei, schneidet ihre gewohnten Wege ab und rückt jüdische Siedlungen näher an Israel heran. Als Schäfer trieb Ahmad Ziegen durch die Hirtengemeinde Khirbet Um al-Jamal. Eine Schule hat er nie besucht.

Noam, ehemaliger Installateur in Jerusalem, ist seit einem Jahr in Pension und in einer jüdisch-irakischen Familie aufgewachsen. Seit vier Monaten fährt der 66-Jährige jeden zweiten Tag zum Grenzübergang Qalandia und wartet auf Ahmad, der mit dem Taxi aus dem Jordantal angereist kommt.

Egal ob in Gaza ein neuer Krieg droht, Israel den Eurovision Song Contest gewinnt oder Ahmads Zelt wieder einmal kurz vor dem Abriss steht: Ahmad muss zur Strahlentherapie nach Jerusalem. 18 Kilometer. Drei Passkontrollen. Vier Stunden.

40.000 Anträge
werden abgelehnt

Die Ärzte in Nablus wollten Ahmad schon vor Monaten in ein israelisches Krankenhaus verlegen. Er brauche dringend eine Strahlentherapie, doch die ist in den besetzten palästinensischen Gebieten seit der zweiten Intifada aus "Sicherheitsgründen" verboten. Als Palästinenser braucht Ahmad daher eine besondere Genehmigung, um auf israelischem Gebiet behandelt zu werden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-22 16:35:55
Letzte Änderung am 2018-08-22 17:53:42


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