• vom 05.09.2018, 19:30 Uhr

Weltpolitik

Update: 05.09.2018, 20:22 Uhr

Fall Skripal

May legt Beweise vor




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • London erlässt Haftbefehl gegen zwei Russen und legt heute der UNO Dokumente vor.

Die beiden verdächtigen Russen Rulsan Boschirow (l.) und Alexander Petrow (r.) wurden in Salisbury von einer Straßenkamera nahe dem Tatort aufgenommen.

Die beiden verdächtigen Russen Rulsan Boschirow (l.) und Alexander Petrow (r.) wurden in Salisbury von einer Straßenkamera nahe dem Tatort aufgenommen.© reu/Metropolitan Police Die beiden verdächtigen Russen Rulsan Boschirow (l.) und Alexander Petrow (r.) wurden in Salisbury von einer Straßenkamera nahe dem Tatort aufgenommen.© reu/Metropolitan Police

London. Der Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Salisbury hatte zu schweren diplomatischen Verwerfungen zwischen London und Moskau geführt. Die britische Regierung hatte von Anfang an Russlands Geheimdienste unter Verdacht, weil das Nervengift Nowitschok, mit dem Skripal ermordet werden sollte, aus sowjetischer Produktion stammt. Dort wurde es in den frühen 1980er Jahren als chemischer Kampfstoff entwickelt. Doch mehr als Indizien für Moskaus Täterschaft im Fall Skripal gab es nicht.

Sechs Monate nach dem Anschlag ist es britischen Ermittlern nun gelungen, die Identität der mutmaßlichen Attentäter auszumachen. Und tatsächlich handelt es sich bei den zwei verdächtigen Männern um Russen. Jedenfalls reisten sie Anfang März mit russischen Pässen nach Großbritannien ein und wurden von Straßenkameras sowohl in London als auch in der südenglischen
Stadt Salisbury erfasst, wo Skripal und seine Tochter mit dem Nervengift kontaminiert wurden. Gegen die beiden Männer - Ruslan Boschirow und Alexander Petrow - wurde ein Europäischer Haftbefehl erlassen. Damit können die Männer bei der Einreise in ein EU-Land festgenommen und an London ausgeliefert werden. Die Chance, ihrer habhaft zu werden, ist aber gering, da sich beide in Russland aufhalten dürften. Und London verzichtet - angesichts der ernüchternden Erfahrungen nach dem Mord an Alexander Litwinenko 2006 in London - auf einen Auslieferungsantrag. Der russische Ex-Spion war in einer Hotellounge mitten in der Londoner Innenstadt mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet worden und kurz darauf gestorben. Die Täter, die dem russischen Geheimdienstmilieu entstammen, leben bis heute unbehelligt in Moskau.


Und auch im Fall Skripal deute vieles auf eine Urheberschaft dieser Kreise, schrieben britische Medien. Premierministerin Theresa May wurde deutlicher. Als sie am Mittwoch für eine Stellungnahme vor die britischen Abgeordneten trat, verzichtete sie auf die übliche diplomatische Zurückhaltung. Die gesuchten Männer seien Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU und hätten mit höchster Wahrscheinlichkeit im Auftrag der russischen Regierung gehandelt.

Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julia (33) waren Anfang März in der südenglischen Stadt Salisbury durch das Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden und nur knapp dem Tode entronnen. Beide wurden bewusstlos auf einer Parkbank gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Gift an die Haustür der Skripals geschmiert worden war und sie sich dort kontaminiert haben. Auch ein Ermittler war ums Leben gekommen.

Vier Monate danach hatte es in Großbritannien einen weiteren Nowitschok-Fall gegeben: Ein 45-jähriger Brite und seine 44-jährige Partnerin aus dem südenglischen Amesbury nahe Salisbury kamen Ende Juni mit dem Gift in Berührung.

Nach Angaben der britischen Anti-Terror-Polizei reisten die beiden Verdächtigen zwei Tage vor dem Anschlag Anfang März nach Großbritannien ein und flogen wenige Stunden nach der Attacke nach Moskau zurück. Im Hotelzimmer der beiden Männer seien Spuren des bei dem Anschlag eingesetzten Nervengiftes Nowitschok gefunden worden, sagte May. Bei dem Anschlag handle es sich nicht um eine auf eigene Faust geplante Tat von Kriminellen, betonte die Premierministerin: "Er wurde nahezu sicher auf hoher russischer Staatsebene genehmigt."

Die beiden Verdächtigen reisten laut Polizei unter den Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow nach Großbritannien ein - dabei handle es sich vermutlich um Pseudonyme. Die Polizei wirft den beiden versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und den Besitz eines chemischen Kampfstoffs vor.

Die russische Regierung erklärte, ihr seien die Namen der Verdächtigen nicht bekannt. Die Namen und die Fahndungsfotos "sagen uns gar nichts", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa. Sie forderte die britische Regierung auf, auf "öffentliche Anschuldigungen" und das "Manipulieren von Informationen" zu verzichten und stattdessen mit den russischen Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Russlands Vertreter bei der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW), Alexander Schulgin, bezeichnete das Vorgehen der britischen Ermittler als "Provokation". "Wir haben von Anfang an gesagt, dass Russland nichts mit den Ereignissen in Salisbury zu tun hat", sagte Schulgin im russischen Staatsfernsehen.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 18:45:13
Letzte Änderung am 2018-09-05 20:22:05


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Sex ist ein Geschenk Gottes"
  2. Kämpfe in Idlib "unvermeidlich"
  3. Russischer Flieger abgeschossen - Putin beschwichtigt
  4. US-Nonnen kämpfen gegen Pipeline in Pennsylvania
  5. Strafgerichtshof ermittelt gegen Myanmar
  6. Kim will Atomstätten unter Aufsicht schließen
  7. Die Mächtigen und ihre Hände

Werbung




Werbung