• vom 14.09.2018, 19:31 Uhr

Weltpolitik


Kongo

Die Hoffnung stirbt zuletzt




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Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

  • Ein Journalist kandidiert bei der Wahl im umkämpften Osten - mit wenig Geld und viel Idealismus.

- © S. Schlindwein

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Chrispin Mvano (l.) besucht auch die entlegensten Dörfer.

Chrispin Mvano (l.) besucht auch die entlegensten Dörfer.© S. Schlindwein Chrispin Mvano (l.) besucht auch die entlegensten Dörfer.© S. Schlindwein

Goma. Erschöpft lässt sich Chrispin Mvano ins Gras fallen. Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Der 40-jährige Kongolese japst nach Atem: "Dieses Bergsteigen - das stresst mich richtig." Die Luft hoch oben in den Bergen ist dünn, die Wege steil und holprig - kein einfaches Terrain für Wahlkampf, gibt er zu.

Mvano ist eigentlich Journalist, er hat die UN-Mission beraten und Hilfswerken zugearbeitet. Aber jetzt hat er sich als Kandidat für die Wahlen am 23. Dezember in der Demokratischen Republik Kongo aufstellen lassen. Für seinen Heimatbezirk Masisi im Osten will er ins Parlament im fernen Kinshasa einziehen.

Masisi: Das sind grüne Almen, dichte Wälder - und hohe Berge. An den Steilhängen stehen Maisfelder und Bananenstauden. Die Gegend rund um die aktiven Vulkane ist sehr fruchtbar. Hier wächst fast alles, was in Ostkongos Millionenstadt Goma konsumiert wird. Die Almen Masisis sind bekannt für ihren Käse. Im Inneren der Berge lagern Mineralien wie Zinn und Coltan. "Wir haben so viel Potenzial, und doch stagniert Masisi in Armut". Masisi ist Dauerkriegsgebiet, ein Mikrokosmos für die unzähligen Konflikte des kongolesischen Teufelskreises. Rund zwei Dutzend Rebellengruppen tummeln sich hier. Mittlerweile hat fast jedes Dorf seine eigene Bürgerwehr.

Mvano weiß seit seiner Jugend, wer die Kriegsherren sind

Wahlen in Masisi - das ist etwas Besonderes. Beim letzten Votum 2011 war Mvano Wahlbeobachter in der umkämpften Kleinstadt Kitchanga. Er bekam mit, wie ruandische Hutu-Rebellen die Bevölkerung mit Waffengewalt zwangen, ihre Stimmen abzugeben. Anderswo stahlen Soldaten Stimmzettel. Letztlich annullierte die Wahlkommission die Abstimmung. "Politik ist für die meisten Kandidaten im Kongo ein Weg, sich zu bereichern, indem sie ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen", erläutert Mvano. "Sie profitieren vom Konflikt."

Die meisten Kriegsherren kennt Mvano seit seiner Jugend. Bei Konflikten, angefacht vom Völkermord an Ruandas Tutsi 1994, flohen aus Masisi die dort heimischen Tutsi, ließen ihre Höfe und Kühe zurück. Die Volksgruppen der Hutu und der Bahunde, welcher Mvano angehört, stritten sich um die Ländereien. Mvanos Familie zog in die Provinzhauptstadt Goma. Ruandische Hutu-Flüchtlinge, die in den Kongo geströmt waren, schlugen ihre Zelte nebenan auf. "Wir hausten wie die Tiere", erinnert sich Mvano. Immerhin: Sein Vater war Lehrer, er schickte ihn und seine acht Geschwister auf die Schule.

Für das Rote Kreuz sammelte der Sohn als 18-Jähriger in den Lagern die Choleratoten ein. Bis heute erinnert er sich an jedes Massengrab in jeder Senke rund um Goma. Bis heute kennt er die Täter des Genozids in Ruanda, die sich in den Bergen Masisis als Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruanndas) aufstellten, um für die Rückeroberung Ruandas zu rüsten. Wenn Mvano erzählt, dann ist man mittendrin in Kongos Gewaltgeschichte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-14 17:42:18
Letzte Änderung am 2018-09-14 19:07:29


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