• vom 04.10.2018, 16:03 Uhr

Weltpolitik

Update: 05.10.2018, 13:03 Uhr

Brasilien

Bolsonaros unerwartete Wähler




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Von WZ-Korrespondent Philipp Lichterbeck

  • Der Ex-Militär verspricht Brasilien, mit der Kriminalität aufzuräumen. Das reicht vielen, um über anderes hinwegzusehen.

Sie wählt Bolsonaro, trotz allem: Caroline Andrade.

Sie wählt Bolsonaro, trotz allem: Caroline Andrade.© Lichterbeck Sie wählt Bolsonaro, trotz allem: Caroline Andrade.© Lichterbeck

Rio de Janeiro. Plötzlich steht der Präsidentschaftskandidat vor Carolina Andrade. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit in Rio de Janeiros Stadtteil Botafogo, als er aus einem Auto steigt, um Passanten zu begrüßen. Sofort bildet sich ein Menschenauflauf, alle wollen ein Selfie mit ihm machen. Andrade sieht, wie er seine Hände zu Pistolen formt, die auf ein imaginäres Ziel feuern. Es ist sein Markenzeichen in diesem Wahlkampf. Die Menge skandiert seinen Spitznamen: "Mito, mito!" Es heißt Mythos. "Ein Mythos ist er nicht", sagt Carolina Andrade, die sich während des Tumults am Rande hält. "Aber er ist vielleicht die letzte Hoffnung, die Brasilien hat."

Der Mann, um den es geht, heißt Jair Messias Bolsonaro. Er ist 63 Jahre alt, beschimpft regelmäßig Schwarze, Indios und Frauen. Er hält Hitler für einen "großen Strategen". Dieser Jair Bolsonaro könnte der nächste Präsident Brasiliens werden. Auch dank Carolina Andrades Stimme. Er führt in allen Umfragen zum ersten Wahlgang am 7. Oktober und wird es mit Sicherheit in die Stichwahl schaffen.


Wie aber ist es diesem Mann gelungen, Carolina Andrade und Millionen anderer Brasilianer zu begeistern? Die einfache Antwort lautet: Jair Bolsonaro bündelt die Wut, die Angst und Unzufriedenheit vieler Menschen. Sie sind wütend auf die korrupte politische Klasse. Sie haben Angst vor der ausufernden Kriminalität. Und sie leiden unter der miserablen wirtschaftlichen Lage mit 13 Millionen Arbeitslosen. Viele Brasilianer haben schlichtweg die Nase voll. Carolina Andrade gehört dazu.

Dabei ist die 39-Jährige eine ganz ungewöhnliche Wählerin des Rechtsaußen. Die beiden trennen Welten: Andrade ist schwarz, alleinerziehende Mutter und Geringverdienerin. Aber sie hat ein Motiv, das stärker ist als alle Zweifel: "Bolsonaro wird kurzen Prozess mit den Kriminellen machen." Man trifft Andrade an einem Septemberdienstag in einem der vielen Shoppingcenter in Rios wohlhabender Südzone. Sie spricht mit sanfter Stimme, die nicht recht passen will zum Zorn in ihren Sätze. Sie trägt Schuhe mit Absätzen, ihre Haare hat sie geglättet, wie es viele schwarze Frauen tun. Es ist ihr Arbeitsoutfit. Andrade ist Maklerin in einer Immobilienfirma. Aber sie arbeitet auf eigene Rechnung, was bedeutet, dass sie nur bei einem Vertragsabschluss Geld bekommt. "Es ist wegen der Wirtschaftskrise immer weniger geworden", sagt sie. "Ich komme kaum noch über die Runden."

Von den Sozialprogrammen, die der linke Kandidat Fernando Haddad, der Erbe Lulas in der Arbeiterpartei, propagiert, hält Andrade nichts: "Mich überzeugt das nicht", sagt sie. Für das Gespräch hat sie zwei Stunden Zeit, dann muss sie in einen Pendlerbus besteigen. Vor wenigen Wochen ist sie zu ihrer Mutter an die Peripherie Rios gezogen, weil sie die Miete für ihr Zimmer in Copacabana nicht mehr bezahlen kann. Wenn sie Glück hat, ist sie in anderthalb Stunden dort. Wenn sie Pech hat, werden drei daraus. "Es ist eine unsichere Gegend", sagt Andrade. Ihre Tochter im Teenageralter lässt sie nicht mehr alleine zum Bäcker gehen.

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Dokument erstellt am 2018-10-04 16:12:32
Letzte Änderung am 2018-10-05 13:03:30


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