• vom 04.10.2018, 16:03 Uhr

Weltpolitik

Update: 05.10.2018, 13:03 Uhr

Brasilien

Bolsonaros unerwartete Wähler




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Während sich ihre Lage also verschlechterte, hat Andrade in den letzten Jahren erlebt, wie fast wöchentlich Politiker in riesige Korruptionsskandale verwickelt wurden. In Brasília steht heute mehr als die Hälfte der insgesamt 594 Kongressmitglieder im Verdacht, korrupt zu sein.

Grassierende Gewalt
"Dieses Geld fehlt an allen Ecken und Enden", sagt Andrade. Etwa in der Schule ihrer Tochter, in der es kein Papier mehr gibt. In ihrem überfüllten Bus ohne Klimaanlage. Im Fernsehen sieht Andrade Berichte über Schwangere, die im Krankenhausflur gebären, weil es zu wenig Betten gibt. Und dann erlebt sie, wie das älteste Museum des Landes niederbrennt, weil die Hydranten in der Umgebung kein Wasser führten.

Das Geld fehlt nicht zuletzt auch für öffentliche Sicherheit. Und das spüren viele Brasilianer hautnah. Zu Carolina Andrade kam das Verbrechen vor 17 Jahren, als ihr Vater ermordet wurde. Ein Nachbar, mit dem er sich gestritten hatte, lockte ihn in seine Wohnung und tötete ihn. Obwohl kein Zweifel an der Täterschaft bestand, wurde der Nachbar wegen schlampiger Ermittlungen nie verurteilt. Bis heute ist er frei. Das Erlebnis wirkt bis heute nach, auch weil Andrade und ihre Mutter nie eine Entschädigung erhalten haben. "Es gibt keine Gerechtigkeit in Brasilien", sagt sie. "Die Verbrecher könnten machen, was sie wollen."

Man hört das oft dieser Tage in Brasilien. Das Land verzeichnete vergangenes Jahr fast 64.000 Morde. Es ist die höchste Mordzahl der Welt. Einer der Gründe ist die Straflosigkeit: 95 Prozent der Fälle landen nie vor einem Richter. Bei anderen Verbrechen ist die Aufklärungsrate noch geringer. Auch deswegen hat im Februar das Militär in Rio de Janeiro die Kontrolle über den ineffizienten Sicherheitsapparat übernommen. Die Bilder von Soldaten an der Copacabana gingen um die Welt. Nur genutzt hat es nichts.

"Ich werde ausmisten"
Carolina Andrade wurde schon mehrfach ausgeraubt. "Das ist normal", sagt sie. Jair Bolsonaro hat versprochen, damit Schluss zu machen.

Sein zentrales Wahlkampfversprechen lautet: Jeder Brasilianer darf eine Waffe tragen, um sich zu verteidigen. Er befürwortet die Folter und will der Polizei eine Lizenz für außergerichtliche Exekutionen erteilen. In einem Interview sagte er: "Wenn ein Polizist 20 Kriminelle tötet, gehört er ausgezeichnet." Diese Kampfansage an das Verbrechen findet Andrade gut. Aber sie hat auch Kritik an ihrem Kandidaten. Ihr behagen seine Nähe zum Militär und seine verbalen Aggressionen gegen Andersdenkende nicht.

"Ich bin für die Demokratie." Warum sie dennoch für Bolsonaro stimmt? "Weil es keine Alternativen gibt." Tatsächlich scheint da niemand zu sein, der einen Kompass hat. Einer, der eine positive Vision von Zukunft formuliert und Mut macht. "Ich werde ausmisten", verspricht er. Carolina Andrade und Millionen anderer Brasilianer wollen glauben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 16:12:32
Letzte Änderung am 2018-10-05 13:03:30


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