• vom 28.10.2018, 07:59 Uhr

Weltpolitik

Update: 28.10.2018, 13:43 Uhr

Brasilien

Mit Gott an die Macht




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Von WZ Online, Reuters, Brad Brooks

  • Ehemaliger Fallschirmjäger Bolsonaro gilt in der Präsidenten-Stichwahl als Favorit gegen den Kandiaten der Arbeiterpartei.

Jair-Bolsonaro-Shirt für Fans. - © APAWeb/AP, Peres

Jair-Bolsonaro-Shirt für Fans. © APAWeb/AP, Peres

Stiwchwahl zwischen Fernando Haddad und Jair Bolsonaro.

Stiwchwahl zwischen Fernando Haddad und Jair Bolsonaro.© APAweb/AP, Andre Penner, Silvia Izquierdo Stiwchwahl zwischen Fernando Haddad und Jair Bolsonaro.© APAweb/AP, Andre Penner, Silvia Izquierdo

Sao Paulo. Im Jahr 1993 schockieren die Worte des Kongressabgeordneten Jair Bolsonaro die noch junge Demokratie in Brasilien. "Ja, ich bin für die Diktatur!", ruft er seinen Kollegen im Plenum zu. "Mit dieser unverantwortlichen Demokratie werden wir niemals die tiefgreifenden nationalen Probleme lösen." 25 Jahre später greift der Ex-Fallschirmjäger und Armee-Hauptmann nach dem Präsidentenamt in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft. Seine Chancen stehen gut. Die erste Wahlrunde hat er klar gewonnen. In der Stichwahl am Sonntag trifft er auf den Kandidaten der linken Arbeiterpartei, Fernando Haddad, und gilt laut Umfragen als Favorit.

"Gott hat mich in dieses Rennen geschickt", sagte Bolsonaro nach der Nominierung durch seine Partei. "Meine Mutter hat mir den Zweitnamen 'Messias' gegeben. Aber ich allein werde nicht der Erlöser Brasiliens sein. Wir werden es alle gemeinsam retten."

Brasilien ist in Bolsonaros Augen ein dysfunktionaler Staat, in dem nur jemand mit harter Hand für Ordnung sorgen kann. Gewaltverbrecher? Bolsonaro sagt: "Alle erschießen." Politische Gegner? - "Sie auch." Korruption? Ein Militärputsch könnte nach Bolsonaros Worten den Sumpf trockenlegen, wenn die Justiz es nicht schafft. Die Wirtschaft? Bolsonaro will staatliche Unternehmen privatisieren, damit sich Politiker dort nicht länger bedienen können.

"Wir können Kriminelle nicht wie menschliche Wesen behandeln, die Respekt verdienen", erklärt Bolsonaro im August. Einige Tage später greift er auf einer Wahlkampfveranstaltung nach dem Stativ eines Kameramanns und tut so, als würde er damit um sich feuern: "Wir werden alle Unterstützer der Arbeiterpartei erschießen", ruft er der jubelnden Menge zu. Später lässt sein Wahlkampfteam mitteilen, es habe sich um einen Scherz gehandelt.

Spaltung des Landes

Eine Verurteilung der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 kommt dem heute 63-Jährige noch immer nicht über die Lippen. Überhaupt setzt er eher auf harsche Töne als auf Versöhnung. Im Visier stehen Frauen, Homosexuelle, Schwarze und die Ureinwohner des Landes. Einer Abgeordneten sagte er einst, sie verdiene es noch nicht einmal, von ihm vergewaltigt zu werden. Er wird auch zitiert mit der Äußerung, ihm wäre es lieber, wenn sein Sohn stürbe als dass er sich als schwul outen könnte.

Bei vielen Brasilianern schrillen die Alarmglocken bei Bolsonaros Worten, der in seiner fast 30-jährigen politischen Laufbahn bereits neun Parteien angehörte. Bei einer Wahlkampfveranstaltung im September wurde er von einem offenbar psychisch gestörten Mann niedergestochen und schwer verletzt.

Von vielen wird er mit Blick auf den US-Präsidenten als "Trump Brasiliens" bezeichnet - nicht zuletzt wegen seiner Präsenz in den sozialen Netzwerken. Beraten ließ er sich auch vom früheren Chefstrategen Donald Trumps, Steve Bannon. Und wie Trump drohte Bolsonaros mit einem Ausstieg seines Landes aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Er schwächte die Drohungen erst am Donnerstag leicht ab.

Mit Trump gemeinsam hat der frühere Fallschirmjäger auch die gezielten Tabu-Brüche, die besonders bei den Frustrierten und gesellschaftlich Abgehängten gut ankommen. Brasilien leidet immer noch an den Folgen einer schweren Rezession, rund 13 Millionen der mehr als 200 Millionen Einwohner sind arbeitslos. Gewaltverbrechen und Drogenkriminalität sind in allen Landesteilen an der Tagesordnung, die Politikerriege ist in diverse Korruptionsskandale verstrickt. Viele Brasilianer erhoffen sich, dass Bolsonaro aufräumt. "Er ist nur der Beginn des Umbruchs, den wir alle wollen", hofft der 26-jährige Student Raphael Enohata. Wenn Bolsonaro Bestechung eindämme und korrupten Politikern den Garaus mache, gebe es bereits bei der nächsten Präsidentenwahl viel mehr Kandidaten, die die Interessen des Landes über ihre eigenen stellten.





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Dokument erstellt am 2018-10-27 18:44:24
Letzte Änderung am 2018-10-28 13:43:54


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