• vom 05.12.2013, 16:52 Uhr

Weltpolitik

Update: 05.12.2013, 21:23 Uhr

Minen

Im Wald wartet der Minentod




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Von Michael Biach

  • Auch nach dem Kriegsende fordern in Bosnien-Herzegowina Antipersonenminen Todesopfer
  • Das Holzsammeln kann für Dorfbewohner lebensgefährlich sein.

120.000 Minen sind in Bosnien-Herzegowina noch vergraben. Das Kriegswerkzeug tötete den Mann und den Enkel von Adilja Bijelic. Michael Biach

120.000 Minen sind in Bosnien-Herzegowina noch vergraben. Das Kriegswerkzeug tötete den Mann und den Enkel von Adilja Bijelic. Michael Biach

Sarajevo. Sie töten, auch wenn der Krieg schon längst beendet ist: Täglich sterben weltweit zehn Menschen durch den Einsatz von Antipersonenminen. Welche Verheerungen dieses Kriegswerkzeug noch anrichtet, wenn der bewaffnete Konflikt schon längst beendet ist, zeigt sich in Bosnien-Herzegowina. Dort liegen knapp zwei Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch 120.000 Minen vergraben. Während der urbane Raum zwischenzeitlich komplett gesäubert wurde, leidet vor allem die arme Landbevölkerung in den entlegenen Gebieten an der tödlichen Präsenz der Minen.

Adilja Bijelic erinnert sich schmerzlich, als sie kurz nach Kriegsende wieder in ihr altes Zuhause zurückkehrte. Der kleine Ort Olovo, 50 Kilometer nördlich von Sarajevo, war während der Kämpfe zur Frontlinie geworden, die Familie hatte fliehen müssen. "Als wir wiederkamen, war alles zerstört und wir begannen unser Haus wieder aufzubauen", erzählt die heute 62-Jährige. Nach der Rückkehr waren die Gefechte zwar beendet, die umliegenden Wälder jedoch immer noch vermint. Eines Tages ging Adiljas Ehemann Fehim wie so oft zum Holzsammeln in die umliegenden Wälder. "Wiedergekommen ist er nicht mehr", erzählt sie mit leiser Stimme.


Fehim wurde durch die Explosion einer Landmine getötet. Das war 1996. "Man hat uns damals gesagt, dass alles besser werden wird und dass die Minen in der Nähe der Häuser verschwinden werden". Doch immer noch sind die Wälder des Ortes vermint, immer wieder kommt es zu tragischen Zwischenfällen.

So auch im August 2012, als Adiljas Sohn Ibrahim Bijelic und ihr Enkel Tarik kaum 500 Meter vom Familienhaus entfernt Feuerholz sammelten. "Das Waldstück galt eigentlich als sicher. Unfälle gab es schon lange keine mehr, aber diesmal. . ." Ibrahim stockt der Atem. Er fasst sich an die Brust. Seit der Explosion einer Antipersonenmine hat er Schrapnelle in seinem Körper stecken. Solange die Metallstücke im Körper nicht zur Ruhe kommen, ist eine Operation zu gefährlich.

Der Vater kann seinen Sohn nicht mehr retten
"Tarik, mein Sohn, war erst sechs Jahre alt", sagt Ibrahim, die Augen auf den Boden gerichtet. Es war der Bursche, der die Mine unabsichtlich mit einem großen Ast auslöste. Im Bruchteil einer Sekunde kam es zur Explosion. Vater und Sohn sanken zusammen. Selbst schwer verletzt, versuchte Ibrahim alles, um Tarik ins Krankenhaus zu bringen. "Ich habe ihn aufgehoben und bin durch den Wald gelaufen, so schnell ich konnte", versichert Ibrahim mit zitternder Stimme. Doch es war bereits zu spät. Tarik war tot. Eines der Schrapnelle hatte das Herz des Sechsjährigen durchbohrt. Tarik verblutete in den Armen seines Vaters.

Seit Ende des Krieges sind in Bosnien etwa 1700 Menschen in Minenunfälle verwickelt gewesen. Knapp 600 von ihnen starben, der Rest wurde zum Teil schwer verletzt. In vielen Fällen mussten Gliedmaßen amputiert werden.

Nicht zuletzt aufgrund der Situation in Bosnien wurde im Herbst 1997 der internationale Vertrag zum Verbot von Antipersonenminen verfasst. Bosnien selbst war eines der ersten Länder, die unterzeichnet haben. Die Ratifizierung sieht unter anderem vor, dass Mitgliedsstaaten innerhalb von zehn Jahren Minenfelder auf ihrem Territorium räumen. "Dieses Ziel mussten wir bereits um ein Jahrzehnt verschieben", sagt Sasa Obradovic vom Bosnia & Herzegovina Mine Action Center. Es mangelt nicht an professionellem Personal oder technischem Equipment, sondern einzig an den finanziellen Voraussetzungen. Für die Räumung der verbliebenen Minen benötigt das krisengebeutelte Land jährlich 40 Millionen Euro, sagt Obradovic.

Bittere Armut lässt Leute hohes Risiko eingehen
Doch was treibt die Menschen trotz der immensen Landminengefahr in die Wälder? "Es ist bittere Armut", sagt Amir Mujanovic, Direktor der Landmine Survivors Initiative. "Die Menschen haben oft gar keine andere Wahl, sie müssen in die Wälder gehen." Arbeitsplätze gibt es in den ländlichen Gebieten kaum. Wer finanziell überleben will, sammelt im Wald Feuerholz und Früchte.

Hinzu kommt, dass die Gefahr immer wieder unterschätzt wird und auch in als sicher geltenden Gegenden regelmäßig neue Minen entdeckt werden. Die Landmine Survivors Initiative steht Überlebenden von Minenunfällen finanziell und psychologisch zur Seite. Neben der Reintegration in die Gesellschaft geht es darum, den Menschen eine alternative Existenzgrundlage zu ermöglichen und sie davon abzuhalten, erneut in die Wälder zu gehen.

Die Art der Hilfestellung durch die NGO variiert. In vielen Fällen stellt sie ein Gewächshaus oder ein landwirtschaftliches Nutzungsgerät zur Verfügung, damit die Betroffenen einen eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften können. Am Tag nach Tariks Tod besuchte Amir Mujanovic die Familie von Ibrahim Bijelic und versprach zu helfen. Kurze Zeit später übergab die NGO Ibrahim einen Traktor mit Anhänger.

"Es war wichtig, Ibrahim bald wieder zu ermöglichen, selbst für seine Familie zu sorgen", sagt Mujanovic. Ibrahim lächelt, wenn er von diesem Geschenk spricht, das durch finanzielle Unterstützung vom UNO-Entwicklunsprogramm (UNDP) und von Norwegian Aid zustande gekommen ist. "Wie sonst hätte ich meine Familie weiter ernähren können?", fragt der trauernde Vater. Heute kann er in entlegenen, sicheren Waldstücken abseits der ehemaligen Frontlinien Brennholz suchen und dieses dann in der Nachbarschaft verkaufen.

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Schlagwörter

Minen, Ottawa-Konvention

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Dokument erstellt am 2013-12-05 16:56:05
Letzte Änderung am 2013-12-05 21:23:04


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