• vom 02.04.2016, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 04.04.2016, 11:29 Uhr

Interview

"Entwicklung ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon"




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Von Thomas Seifert

  • Semil Jahan, der Kopf hinter dem UN-Report über die menschliche Entwicklung, im Interview.



"Wiener Zeitung": Sie sind der führende Kopf hinter dem "UN-Report über die menschliche Entwicklung", der einen Überblick über den wirtschaftlichen und sozialen Zustand der Welt bietet. Wie geht es denn der Menschheit?

Selim Jahan: Besser. In den vergangenen Jahrzehnten hat es in der menschlichen Entwicklung gewaltige Fortschritte gegeben. Von 1992 bis 2015 ist es gelungen, mehr als zwei Milliarden Menschen vom dem Joch einer niedrigen menschlichen Entwicklungsstufe zu befreien. Mehr als eine Milliarde Menschen konnten aus extremer Armut geholt werden. Die Menschheit war sehr erfolgreich darin, mehr als zwei Milliarden Menschen eine sichere Trinkwasserquelle bereitzustellen. In vielen Ländern besuchen heute mehr Mädchen eine Schule als jemals zuvor.

Das klingt ja alles ganz wunderbar.

Es gab tolle Fortschritte und diese dürfen wir getrost feiern.

Und die schlechte Nachricht?

Unsere Errungenschaften sind nicht gleich über den Erdball verteilt. Und zwar weder regional noch zwischen den Geschlechtern oder den verschiedenen ethnischen oder sozialen Gruppen. Auf vielen Ebenen gibt es immer noch erheblichen Mangel. Mehr als eine Milliarde Menschen leben immer noch in extremer Armut, in jeder Minute sterben sechs Kinder unter fünf Jahren. Zählen Sie einmal bis 60 und denken Sie dann daran! In jeder Stunde verlieren 33 Mütter ihr Leben bei der Geburt ihrer Kinder. Die Lehre, die ich daraus ziehe, ist folgende: Entwicklung ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon.

Lange Zeit haben sich Ökonomen vor allem auf Wirtschaftsindikatoren konzentriert. Heute wissen wir, dass das nur ein Aspekt des Wohlergehens für Menschen ist.





Das Einkommen spielt aber nach wie vor eine sehr zentrale Rolle. Aber wie heißt es so schön: Geld allein macht nicht glücklich. Für uns, die wir am Bericht der menschlichen Entwicklung arbeiten, bedeutet dies: Wir brauchen ein breiteres Set an Indikatoren. Müttersterblichkeit, Säuglingssterblichkeit, Kindersterblichkeit, Arbeitslosenrate oder auch der Verlust an Regenwaldfläche, um einen Umweltindikator herauszupicken. Wir versuchen, den Blick auf drei wichtige Dimensionen zu lenken. Erstens: ein langes und gesundes Leben. Zweitens: Wissen. Drittens: Lebensstandard. Diese Dimensionen machen sowohl in der entwickelten Welt als auch in Entwicklungsländern Sinn. Und so versuchen wir einen Überblick über die menschliche Entwicklung in einem bestimmten Land zu bekommen.

Sie betonen in Ihrem Bericht die Bedeutung von gestärkten Frauenrechten für die Entwicklung.

Frauen betrachten die Frage von Wohlfahrt und Entwicklung unterschiedlich als Männer. Der Zugang von Frauen ist meist konstruktiver und friedlicher, ihnen ist der Aspekt sozialen Zusammenhalts wichtiger als Männern. Frauen sind - vor allem, wenn es um wirtschaftliche Entscheidung geht - viel umsichtiger und vorsichtiger als Männer. Wenn man - egal in welcher Gesellschaft - einem Mann hundert Dollar in die Hand drückt, dann kauft er vielleicht ein Mobiltelefon oder konsumiert andere Dinge. Wenn man hingegen einer Frau hundert Dollar gibt, dann sorgt sie dafür, dass mit dem Geld nahrhafteres, besseres Essen auf den Tisch kommt. Und als Nächstes wird sie dafür sorgen, dass sie die Kinder in die Schule schicken kann. An diesem Beispiel ersieht man, welchen Einfluss die Stärkung von Frauen auf den Entwicklungspfad eines Landes hat. Frauen spielen auch bei der Friedenssicherung eine große Rolle. Sie stellen die Frage: Wie kann es nach einem Konflikt zur Versöhnung kommen? Wie kann der Wiederaufbau gelingen? Frauen sind in einem Konflikt immer in der Opferrolle, und so ist es überraschend, dass sie es sind, die nach einem Konflikt den konstruktivsten Part übernehmen.

Es überrascht nicht, dass in Ihrem UN-Human-Development-Bericht besonders auf die Bedeutung von Bildung für eine positive Eientwicklung eines Landes hingewiesen wird. Was sind die wichtigsten Faktoren erfolgreicher Bildungspolitik?

Manchmal kann man mit einfachen Mitteln tolle Erfolge erzielen: In Bangladesch konnte etwa die Schulbesuchsrate von Mädchen erheblich gesteigert werden, indem man jedem Schulmädchen zwei Schuluniformen zur Verfügung stellte. Es ist nämlich so, dass die Eltern die Burschen auch in informellen Shorts in die Schule schicken, bei Mädchen aber glauben, ein Minimum an Ausstattung zu brauchen. Eigene, getrennte Toiletten für Mädchen und Stipendien für Mädchen waren ein weiterer wichtiger Faktor. Drittens: Es geht nicht nur um den Eintritt in die Schule, sondern auch darum, dass die Kinder in der Schule bleiben und in die Sekundarstufe vorrücken. Viertens: Es geht nicht nur um Quantität, sondern auch Qualität. In den Vereinigten Staaten gibt es Schülerinnen und Schüler, die zwar die achte Schulstufe vollendet haben, aber weder richtig lesen noch richtig schreiben können. Der fünfte Punkt: Bildung ist heute der wichtigste Faktor bei der sozialen Ungleichheit. Früher war die Verteilung von Land der wichtigste Faktor sozialer Ungleichheit, zum Beispiel in Lateinamerika. Heute ist es so: Wenn man über gute Qualifikationen verfügt, dann wird die ganze Welt zum Arbeitsmarkt. Wenn man aber über nur geringe Qualifikationen verfügt, dann hat man diese Chancen nicht und man hat selbst im eigenen Land Schwierigkeiten, einen guten Arbeitsplatz zu finden. Sechster Punkt: Es gibt in den meisten Entwicklungsländern eine Dualität des Bildungssystems. Für die Eliten gibt es ein teilweise recht gut funktionierenden Elite-Bildungssystem, für die Ärmsten so gut wie keine adäquaten Bildungseinrichtungen. Die Zeit ist gekommen, um diese Dualität zu reduzieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-01 17:50:09
Letzte Änderung am 2016-04-04 11:29:50


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