• vom 26.05.2015, 18:15 Uhr

Wien

Update: 30.06.2015, 21:42 Uhr

Mountainbike

Freie Fahrt für freie Biker?




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Von Matthias G. Bernold

  • Der Verein Upmove macht sich für eine generelle Freigabe der Forstwege für Mountainbiker stark.


© Dietmar Hollenstein © Dietmar Hollenstein

Wien. Die "Wiener Zeitung" beantwortet die zehn wichtigsten Fragen in der Debatte um die Öffnung der Wälder für Mountainbiker.

1 Worum geht’s?

Information

Die Interessensvertretung Upmove macht sich für die Öffnung der Forstwege und eine Erweiterung des Betretungsrechtes stark.


2,2 Millionen Mountainbike-Besitzer gibt es in Österreich. 840.000 davon sind regelmäßig auf Forststraßen und Waldwegen unterwegs. Allerdings tun sie dies vielfach in einer rechtlichen Grauzone oder überhaupt gesetzeswidrig. Zwar normiert das österreichische Forstgesetz ein sogenanntes Betretungsrecht: Nach § 33 Abs. 1 Forstgesetz darf sich jedermann im Wald zu Erholungszwecken aufhalten. Dieses Betretungsrecht gilt nach herrschender Rechtsmeinung allerdings nicht für Radfahrer. Das liegt am Entstehungsdatum des Gesetzes: Im Jahr 1975 war das Mountainbike noch nicht erfunden, Radfahrer fühlten sich auf asphaltierten Straßen weit wohler als im Wald. Lediglich Wanderer, Skifahrer und Schwammerlsucher verschlug es zu Erholungszwecken unter die Bäume. Das Gesetz besagt also: Ist eine Forststraße oder ein Weg vom Waldeigentümer nicht ausdrücklich zum Radfahren freigegeben - 25.000 Kilometer solcher ausgewiesenen Mountainbike-Routen gibt es in Österreich -, sind Radfahrer dort illegal unterwegs. Genau das wird verschiedentlich als unsinnig und diskriminierend empfunden und soll nun verändert werden.

2 Wer begehrt die Freigabe?

Die als GmbH organisierte Interessensvertretung Upmove macht sich für die Öffnung der Forstwege und eine Erweiterung des Betretungsrechtes stark. "In Österreich werden Mountainbiker von Grundbesitzern, Jägern und Förstern angezeigt, auf Besitzstörung geklagt und von der Polizei verfolgt", sagt Upmove-Gründer Dietmar Gruber: "Es geht nicht um den Wunsch einer radikalen Minderheit, so wie es Großgrundbesitzer und Jäger gerne darstellen. Der Genuss des Waldes zu Erholungszwecken steht allen Österreichern zu."

In den fünf Jahren seiner Existenz hat Upmove Unterstützung von anderen Vereinen und Organisationen gefunden. Die Naturfreunde, als Freizeitorganisation mit über 500.000 Mitgliedern, setzen sich ebenfalls für eine Freigabe der Forststraßen für Radfahrer ein. Naturfreunde-Vertreter Peter Gebetsberger: "Der Wald hat verschiedene Funktionen. Wir wollen dazu beitragen, gemeinsam Lösungen zu finden, damit alle Interessen berücksichtigt werden."

Auch die Radlobby Österreich unterstützt das Anliegen der Mountainbiker. "Dass Radfahrende auf Forststraßen rechtlich belangt werden, während Kfz dort legal unterwegs sind, ist ungerecht", sagt Vorstand Andrzej Felczak: "Da Forststraßen oft von der öffentlichen Hand gefördert werden, ist eine Nutzung für alle die logische Konsequenz." (Hier geht es zur Erklärung der Radlobby Österreich zum Thema)

Unterstützung für das Vorhaben kommt weiters von Seiten der Tourismusbetriebe und von der SPÖ. "Während das Radfahren in Österreichs Wäldern grundsätzlich verboten ist, ist es in den Nachbar-Ländern genau umgekehrt", erklärt der SPÖ-Tourismussprecher und Nationalratsabgeordnete Max Unterrainer: "Entgeltliche Nutzungsverträge zwischen Straßen-Eigentümern und Land oder Tourismusbetrieben bewähren sich nicht. Zu oft scheitern sie an den hohen Forderungen der Grundbesitzer oder an der grundsätzlichen Weigerung, Forstwege für die radfahrende Bevölkerung freizugeben." Zwei entsprechende Anträge für die Änderung des Forstgesetzes brachten die Sozialdemokraten im oberösterreichischen und im Kärntner Landtage ein, die von den Grünen unterstützt wurden.

3 Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Tatsächlich ist die österreichische Rechtslage im internationalen Vergleich einzigartig. Was für die heimischen Forste gefordert wird, ist in unseren Nachbarländern längst Realität. Im konservativen Bayern zum Beispiel ist der Zugang zu Wald und Naturschönheiten seit dem Jahr 1946 in der Landesverfassung verankert: und zwar für alle Bürger - unabhängig davon, ob sie zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren. In der Schweiz, in Italien und Slowenien bestehen ähnliche Bestimmungen.

Allerdings - streichen Vertreter der Landwirtschaftskammer heraus - befinden sich die Wälder auch nicht so häufig in Privatbesitz, wie das in Österreich der Fall ist. Während etwa in Deutschland 70 Prozent des Waldes im öffentlichen Eigentum stünden und 30 Prozent im privaten, sei dies in Österreich genau umgekehrt.

4 Schrankenlose Freiheit für Mountainbiker?

Damit nicht der Eindruck entsteht, die Mountainbiker wollten Anarchie in den Wäldern, haben sie sich auf einen Katalog von Verhaltensregeln geeinigt. An diese "Fair Play Regeln" sollen Radfahrer gebunden sein, wenn sie im Wald unterwegs sind: Dazu gehört das Verbot, querfeldein zu fahren, die Rücksichtnahme auf andere Nutzer und auf Tiere sowie das Verlassen des Waldes rechtzeitig vor der Dämmerung.

5 Wer will die Freigabe verhindern?

Gegen die Freigabe der Forstwege sprechen sich die Waldeigentümer und die Lobby der Jäger und Förster aus. "Nicht jede Gruppe kann ihr Einzelinteresse durchsetzen, sondern wir müssen im Sinne des Gesamtsystems Wald Lösungen erarbeiten", schreibt etwa Bernhard Budil, Generalsekretär der Land und Forst Betriebe Österreich, in einem Gastkommentar für das österreichische Fahrrad-Magazin "Drahtesel": "Eine undifferenzierte Öffnung von Forststraßen ist hier ein direkter Widerspruch." Martin Höbarth von der Landwirtschaftskammer Österreich führt gegenüber der "Wiener Zeitung" noch einen weiteren Punkt ins Treffen: "Sehen Sie, ich bin einer der Österreicher, der einen kleinen Hausgarten besitzt. Ich möchte nicht, dass irgendwer irgendetwas bei mir im Garten macht. Ich möchte das selbst entscheiden können." Als im Jahr 1975 das Betretungsrecht für die Öffentlichkeit eingeführt worden sei, habe man dies hingenommen: "Dieses Legalservitut stört in den meisten Fällen niemanden und damit können wir leben." Aber jetzt diese - unbezahlte - Freiheit auf andere Nutzer auszudehnen: Das empfindet der Kammer-Funktionär als inakzeptabel.


© dpa/Tobias Hase © dpa/Tobias Hase

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Dokument erstellt am 2015-05-26 18:20:09
Letzte Änderung am 2015-06-30 21:42:40


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