• vom 16.02.2016, 17:31 Uhr

Wien

Update: 23.03.2016, 16:14 Uhr

Fahrrad

Durch Europa mit dem Bambus-Tandem




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Von Matthias G. Bernold

  • Ewa Gruszyk und Roland Kloss starten eine sechsmonatige Rad-Mission.

Wien. Eine dunkle Stiege führt in den Keller hinab. Im Dämmerlicht sind großflächige Graffiti auf den Wänden erkennbar. Unten angelangt wird es Licht: Im Schein heller Neonröhren werkt eine Handvoll junger Leute konzentriert an Gestellen aus Bambusrohr, die von der Decke oder von metallenen Haltevorrichtungen hängen.

Wir befinden uns in der Werkstatt von Bambooride in der Beethovengasse im Alsergrund. Das Kellerlokal mit geweißtem Deckengewölbe, grünem Linoleumboden und Winkeln und Nischen voller Fahrradteile ist Schauplatz für Workshops, in denen Menschen lernen, ihre eigenen fahrbaren Untersätze anzufertigen. 140 "Bambus-Esel" sind in den letzten fünf Jahren hier entstanden. Die stabilen Rohre der holzigen Graspflanze sind das ideale Material für Fahrräder im Eigenbau, erklärt Workshop-Leiter Alex Bergner: Und heute hat er zwei besondere Kunden da, die an einem ganz besonderen Modell feilen. Ewa Gruszyk (31) und Roland Kloss (27), zwei junge Raumplaner - er aus Linz, sie aus dem polnischen Siedlce stammend -, wollen schon bald ihr Projekt "Crossover" starten: eine sechs Monate lange Radreise über 6000 Kilometer, durch 15 Länder Europas. Getragen von einem Leitgedanken: Menschen fürs Radfahren zu begeistern.

Bambus als ökologisches Baumaterial

"Mit unserer Tour wollen wir aufzeigen, wie vielfältig, lustvoll und nachhaltig Radfahren sein kann", sagt Roland, der beim Wiener Beratungsunternehmen Tina Vienna arbeitet: "Bambus als ökologisches Baumaterial passt einfach perfekt dazu." Einen schwierigen Arbeitsschritt hatten die beiden beim Lokalaugenschein am Sonntag bereits hinter sich gebracht: das Verkleben Muffen der Bambus-Rohre. Mit Hilfe von Carbonfasern und Epoxidharz (alternativ könnte man für die Muffen auch Hanffasern verwenden) befestigten Ewa und Roland die Enden der Rohre so aneinander, dass sich daraus die finale Geometrie ergibt. Es ist eine Arbeit, die viel Sorgfalt erfordert, erklären die beiden. Wer nämlich bei den Verbindungsstücken pfuscht, riskiert, dass ihm später der Rahmen während der Fahrt auseinanderbricht.

Das fertige Rad wird um die 3000 Euro kosten

Das Tandem macht allerdings einen sehr soliden Eindruck. "Rund 70 Arbeitsstunden haben wir bisher hineingesteckt", erklärt Ewa, die beim Wiener Planungsunternehmen Plansinn tätig ist. Jetzt, in der finalen Phase, werden die mechanischen Komponenten montiert: Kurbeln, Bremsscheiben, Pedale, ein Hinterrad mit edler 14-Gang-Rohloff-Schaltung. Die Arbeitszeit nicht eingerechnet wird das fertige Fahrrad um die 3000 Euro kosten. Vor dem Workshop waren die beiden übrigens alles andere als Radtechnik-Experten: "Bisher habe ich nur Kette geschmiert und Schläuche gewechselt", erzählt Roland: "Deswegen ist es gut, wenn wir hier alles von Grund auf lernen."

"Wer einmal selbst ein Rad zusammenbaut, bemerkt wie simpel die Technologie eigentlich ist", erklärt Workshop-Leiter Alex: "Das macht die Faszination des Fahrrades aus." Simpel ist in diesem Fall freilich auch eine Frage des Standpunktes. Alex, im Hauptberuf Elektronik-Ingenieur, baut sich seine Räder am liebsten selbst, seit er mit dem Fahrrad zum Studieren nach Barcelona fuhr. Über die Jahre entwickelte der 40-Jährige seine Fähigkeiten immer weiter. Heute stellt er nicht mehr nur Räder aus Bambus zusammen, sondern auch aus anderen Materialien.

Sein bevorzugtes Fahrzeug dieser Tage ist ein wild aussehendes Rennrad, das mit seinem Materialmix aus lackierten und unlackierten Kohlefasern sowie filigranen Bambusteilen aussieht, als stamme es direkt aus einem postapokalyptischen Thriller im Stil von Mad Max. "Sieht gut aus und ist äußerst stabil", versichert der Meister stolz. Eines macht Alex vielleicht noch mehr Spaß, als Rahmen zu bauen: sein Wissen weiterzugeben. Bambus sei dabei ideal, sagt er. Denn: "Die meisten Menschen haben eher einen Zugang zu Holz- als zu Metallverarbeitung. Und Bambus ist ein natürliches, nachhaltiges Material." Aus letzterem Grund haben sich auch Ewa und Roland dafür entschieden. Soll doch die Radreise nicht nur spaßig sein, sondern einem höheren Zweck dienen. "Unser Ziel ist, ein Netzwerk zwischen Städten aufzubauen. Städte sollen fahrradfreundlicher werden", sagt Roland.

Die Reise wird die Botschafter der umweltfreundlichen Mobilität in einem großen Kreis von Österreich bis zum Schwarzen Meer und wieder zurück führen (siehe Grafik). Während der Reise wollen die beiden studierten Städteplaner in Kontakt zu anderen Planern treten, zu Entscheidungsträgern und Fahrrad-Aktivisten. Sie wollen Workshops und Vorträge organisieren und eine grenzüberschreitende Verbindung herstellen. "Gerade im Osten Europas ist die grüne Mobilitätswende durch die schnell wachsende Motorisierung bedroht", sagt Ewa. "Radfahren trägt wesentlich zur Erreichung der Klimaschutzziele bei, und unsere Städte werden gesünder und lebenswerter."

Eine 6000 Kilometer weite Rundfahrt ist ein ambitioniertes Vorhaben. Umso mehr, als Ewa und Roland noch nicht viel Radreiseerfahrung aufzuweisen haben. "Unsere längste Tour war rund um den Neusiedler See", gesteht Ewa. Erleichtert werde das gemeinsame Strampeln allerdings durch die Besonderheiten des Tandems. "Wenn jeder auf dem eigenen Rad fährt, ist es schwieriger, ein Tempo zu finden, das für uns beide passt", erklärt Roland: "Mit dem Tandem vermeiden wir dieses Problem."

Jetzt muss nur noch die Crowdfunding-Kampagne das Reisespesenkonto befruchten. Dann kann sich der Bambus-Esel in der weiten Welt bewähren.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-16 17:35:09
Letzte Änderung am 2016-03-23 16:14:37


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