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Update: 11.09.2013, 17:26 Uhr

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Theater für das gemeine Volk




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Von Solmaz Khorsand

  • Im Stück "Von Grosskopfade und Sacklpicka" wandert das Publikum durchs kriminelle Biedermeier-Wien
  • Theater im öffentlichen Raum bis 21. September im 3. Bezirk.

Biedermeier nach Landstraße bringt die Theatergruppe Fink.

Biedermeier nach Landstraße bringt die Theatergruppe Fink.© Foto: Barbara Palffy Biedermeier nach Landstraße bringt die Theatergruppe Fink.© Foto: Barbara Palffy

Wien. Im Theater waren die jungen Frauen noch nie. Ein Musical habe sie schon einmal gesehen, aber auch nur im Fernsehen, erzählt eine der Frauen, während ihre jüngeren Geschwister im Rochuspark herumtollen. Doch heute ist für sie eine Premiere. Ein bisschen Biedermeier-Flair stattet ihrem Kinderspielplatz an der U3- Station einen Besuch ab. Sie zücken ihre Smartphones. Fasziniert schauen die Mädchen auf die Frau im grellen Kostüm und mit den geflochtenen Haaren, wie sie den zappeligen Mann im Zylinder und Brokat-Gilet bezirzt.


Bis 21. September können sie nun fast jeden Abend das Straßentheater "Von Grosskopfade und Sacklpicka" vor ihrer Haustür bewundern. Nach dem Motto: Wenn sie nicht ins Theater kommen, kommt das Theater zu ihnen. "Ich will Theater dorthin bringen, wo es nicht üblich ist. Und an Schauplätzen spielen, die eine Kulisse bieten, wo man gesellschaftskritische Themen ganz anders darstellen kann, als wenn man das in einem abgeschlossenen Raum macht, wo nur ein intellektuelles Publikum kommt, das weiß, worum es geht", erklärt Regisseurin Susita Fink.

Mord und Totschlag stehen im Mittelpunkt des Stücks.

Mord und Totschlag stehen im Mittelpunkt des Stücks.© Foto: Barbara Palffy Mord und Totschlag stehen im Mittelpunkt des Stücks.© Foto: Barbara Palffy

In ihrem aktuellen Stück bietet die gebürtige Landstraßerin einen Streifzug an Originalschauplätze der Wiener Kriminalgeschichte während der Biedermeierzeit. Artig folgt das Publikum Kommissär Hauptmann und seiner "Konfidentin" Fanny durch den dritten Bezirk, vom Rochuspark über das Palais Rasumofsky bis hin zum Grete-Jost-Park, wo das Duo den Mord an einer Witwe endgültig aufklärt.

Wo Elite auf Pöbel traf
Dabei erfährt der Zuseher nicht nur etwas über die niederen Motive des Mörders, sondern auch ein bisschen Theatergeschichte wie unter anderem über die Existenz des "Hetzamphitheaters" in der Hetzgasse, in dem Tierkämpfe aller Art stattfanden. Hier traf die Elite auf den Pöbel, die "Grosskopfaden" auf die "Sacklpicka" eben. Fink gewährt Einblicke in ein Biedermeier-Wien, das jenseits aller Romantisierung liegt, in dem nicht nur getanzt wurde, die Männer höflich waren und die Frauen schön, sondern intrigiert, geneidet, ausgebeutet und gemordet wurde. In der man ohne weiteres Parallelen zu heute entdeckt, wenn der Kommissär sein ganzes Selbstbewusstsein nur daraus nährt, irgendwann einmal Beamter zu werden, wo die emanzipierte Fanny melancholisch vor dem Palais Rasumofsky eine Hymne anstimmt, die damit endet, dass man "als Mädl immer die Arschkarte" gezogen hat und für "Grosskopfade" immer die Unschuldsvermutung gilt, während der "Sacklpicka" schnell einmal überführt werden kann.

Unter dem Motto "Wandern auf Geschichte" widmet sich Fink mit ihrer Theatergruppe "theaterfink" immer wieder politischen Theaterproduktionen im öffentlichen Raum und setzt dabei neben Gesang und Schauspiel auch auf Puppen. "Mit Puppen kann man Inhalte verknappen und bildhafter transportieren als mit Menschen", erzählt Fink, die selbst gelernte Puppenspielerin ist.

Bis 21. September soll ihr aktuelles Stück immer ab 18.30 Uhr noch durch die Landstraße wandern. Danach sind weitere Bezirke geplant, in denen es in der Vergangenheit zu Mord und Totschlag gekommen ist. Auf der großen Bühne sieht Fink ihre Stücke nicht. Sie bleibt der Straße treu. Und den jungen Frauen, deren Augen strahlen, wenn sie Fanny an ihrem Park vorbeiflanieren sehen, während sie ein schrilles "Juchu!" trällert.




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Dokument erstellt am 2013-09-06 17:03:05
Letzte Änderung am 2013-09-11 17:26:35



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