• vom 29.12.2014, 16:16 Uhr

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Update: 29.12.2014, 20:28 Uhr

Schulden

Wenn die Alarmglocken nicht läuten




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Von Ina Weber

  • Immer mehr junge Menschen machen Schulden - das Wiener Start-up "Three Coins" macht den Umgang mit Geld zum Thema.

"Nein" zu sagen, müssen junge Menschen lernen, befindet Katharina Norden . - © Stanislav Jenis

"Nein" zu sagen, müssen junge Menschen lernen, befindet Katharina Norden . © Stanislav Jenis

Wien. Nach der Freude über die Geschenke bleibt oft ein großes Minus am Konto. Katharina Norden, Geschäftsführerin des Wiener Start-ups "Three Coins", hat Strategien entwickelt, um vor allem Jugendlichen den Umgang mit Geld beizubringen. Dieser sollte schon an Schulen unterrichtet werden. Auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) unterstützt das Vorhaben: "Wir müssen hier früh ansetzen und den jungen Menschen eine gute Grundlage für finanzielle Bildung geben." Im Gespräch erklärt Norden, warum Jugendliche überhaupt in die Schuldenfalle tappen und wie sie herausgeholt werden können.

Information

Insgesamt sind in Österreich rund 300.000 Haushalte verschuldet. Ca. 21.000 Menschen melden sich jährlich bei Schuldenberatungsstellen an. Diese Neuanmeldungen steigen nach Weihnachten um rund 20 Prozent gegenüber dem Vormonat. Besonders Menschen, die 30 Jahre und jünger sind, sind mit durchschnittlich 27.900 Euro verschuldet.


"Wiener Zeitung": Wer macht Schulden, wer macht keine? Was ist dafür ausschlaggebend? Spielt Erziehung oder Bildung eine Rolle?

Katharina Norden: Die Verhaltensweise, über die eigenen Verhältnisse zu leben, sehen wir bei allen Menschen in der Gesellschaft - egal welche soziale Schicht. Was wir schon sehen ist, dass wir 75 Prozent Pflichtschulabsolventen in der Schuldenberatung haben, 70 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund. Man könnte jetzt meinen, dass das jene Gruppe ist, die die meisten Schulden macht. In Wirklichkeit aber sind es diejenigen, die nicht von einem familiären Netz aufgefangen werden und dadurch schneller in einer Schuldenspirale landen. Ein Lehrling hat meistens ein anderes soziales, familiäres Netz als der klassische Gymnasiast. Man kann aber schon sagen, dass Migranten eine besonders gefährdete Zielgruppe sind.

Das heißt, schon junge Menschen machen Schulden?

Ja, das Klientel bei der Schuldenberatung wird immer jünger. Das heißt nicht, dass diese Gruppe unglaublich verschuldet ist. Manche gehen mit bis zu 4000 Euro in Privatkonkurs, weil das familiäre Netz nicht da ist. Wir sprechen von dem klassischen Arbeiterkind mit Pflichtschulabschluss mit wenig Chancen am Arbeitsmarkt. Das Leben über die eigenen Verhältnisse wird früh antrainiert. Es beginnt meistens mit dem ersten selbst verdienten Geld, zwischen 14 und 19 Jahren. Zunächst wird nur um ein paar Euro überzogen, meistens mit der Vorstellung, dass man es später wieder etwa durch eine bessere Ausbildung hineinbekommt. Diese Annahme, dass es besser wird, ist schwierig bei der heutigen Generation, bei der die Jungen nur schwer aufsteigen und der Arbeitsmarkt nicht einfacher wird.

Inwiefern hat sich das Schuldenmachen verändert?

Die Tendenz der vergangenen 10 bis 15 Jahren ist, dass Schulden jünger werden. Das hat verschiedene Faktoren. Zum einen der wachsende Konsum- und Statusdruck, zum anderen die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs. Es ist einfacher geworden, den Überblick über sein Geld zu verlieren. Ich hab’ nicht mehr ein Konto, ein Sparbuch und Bargeld, sondern ich habe meistens bei zwei oder drei Banken irgendwelche Produkte, App-Käufe oder Online-Services. Nicht selten ist Online-Shopping auf den Konkurslisten. Diese Generation wächst in einer Welt der Zahlungs- und Konsumrealität auf, die komplett anders ist als bei der Generation davor, weil das Haptische immer mehr fehlt und die Anreize zum Konsum größer werden.

Trägt hier die Schule eine gewisse Verantwortung?

Ja. Es bräuchte allerdings weniger Wissen als vielmehr Verhaltensweisen. Die Kinder bräuchten ein Umfeld, um auf die Schnauze fallen zu können und nix passiert. Die Verkehrserziehung ist nicht viel plakativer als eine Finanzerziehung, aber jede Schule oder jeder Kindergarten geht schon in den Verkehrsgarten und auf die Straße und schaut sich an, wie dieses System funktioniert. Das bräuchten wir auch für das Finanzwesen. Da geht es nicht um Aktien, sondern um simple Haushaltsentscheidungen. Etwa worauf man achten muss, wenn man ein Konto eröffnet oder wie man trotz Konsumdruck Nein sagt.

Sie haben mit Ihrem Unternehmen "Three Coins" eine Strategie für solches Lernen entwickelt. Wie funktioniert das?

Wir entwickeln Lernmethoden, die den Umgang mit Geld trainieren. Dabei geht es weniger um die rechnerische Kompetenz, als um das emotionale wertebasierte Verhalten. Wir haben ein Computerspiel entwickelt, bei dem gewisse Grundverhaltensweisen mit Geld angesprochen werden. Das Spiel dient uns als Türöffner bei Schülern. Im Frühjahr 2015 gehen wir damit an Schulen in Österreich. Derzeit gibt es Pilot-Workshops. Auch in der Schweiz sind wir vertreten. Dort gibt es übrigens genau die gleichen Probleme. Die 20- bis 30-jährigen Schweizer haben das höchste und am stärksten steigende Verschuldungsrisiko.

Wie sieht Ihre Methode aus?

Bei uns besteht die Finanzbildung aus fünf Dimensionen: Wissen, Verhalten, Fähigkeiten, Einstellung und Alarmglocken. Wenn mir jemand einen Ratenkauf anbietet, dann sollte es bei mir klingeln. Das Game ist auf zehn Lernkomponenten aufgebaut. Eine davon ist, dem Konsumdruck widerstehen zu lernen und Stop zu sagen. Es gibt Momente, wo mir mein Geld durch die Finger fließt. Dann geht es darum, zu sagen, ok geh’ ich diesen Schritt, um die Mission zu erreichen oder geh’ ich auf abbrechen. Das ist so, wie wenn ich mit Freunden weggehe und ständig eine Runde schmeiße. Es geht darum, das Gefühl zu erzeugen, dass das jetzt über meine eigenen Grenzen geht.

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Schlagwörter

Schulden, Start-up, Three Coins

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-12-29 15:20:05
Letzte Änderung am 2014-12-29 20:28:13



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