• vom 07.11.2018, 08:00 Uhr

Stadtleben

Update: 07.11.2018, 08:18 Uhr

100 Jahre Republik

Plötzlich "Wasserkopf"




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Maurer

  • Zu Beginn der Republik schrumpfte Wien auf unter zwei Millionen Einwohner. Bis das Bevölkerungsniveau aus Kaiserzeiten wieder in Sicht ist, sollte es mehr als 100 Jahre dauern.

Der Bau der Hochquellwasserleitung und der Stadtbahn durch Otto Wagner waren am Ende des 19. Jahrhunderts Vorbereitungen auf ein Wien mit vier Millionen Einwohnern.

Der Bau der Hochquellwasserleitung und der Stadtbahn durch Otto Wagner waren am Ende des 19. Jahrhunderts Vorbereitungen auf ein Wien mit vier Millionen Einwohnern.© Rösner Der Bau der Hochquellwasserleitung und der Stadtbahn durch Otto Wagner waren am Ende des 19. Jahrhunderts Vorbereitungen auf ein Wien mit vier Millionen Einwohnern.© Rösner

Wien. "Bald leben vier Millionen Menschen in Wien." Diese Prognose ist 120 Jahre alt. Aktuell wird keine Bevölkerungsexplosion für die 1,87 Millionen Einwohner große Donaumetropole erwartet, auch wenn laut Statistikamt MA23 vermutlich 2026 die Zwei-Millionen-Marke geknackt wird.

Wien als Zentrum des Habsburgerreichs erlebte im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Blüte der Gründerzeit eine regelrechte Bevölkerungsexplosion. Mit 2,1 Millionen Einwohnern war sie zwischen 1910 und 1918 die fünftgrößte Stadt der Welt. Trotz abflachendem Wachstum erwartete man sogar drei bis vier Millionen Einwohner in absehbarer Zeit. Nicht nur der Bau der Wiener Hochquellwasserleitung und der Stadtbahn durch Otto Wagner waren Vorbereitungen darauf.


Der Stadtarchitekt hatte noch viel mit Wien vor, angefangen bei seinem Lieblingsprojekt, des geplanten Ausbaus der Wienzeile zur Prachtavenue, um die Innenstadt mit den äußeren Bezirken zu verbinden. "Wagners Generalregulierungsplan für Wien sah eine parzellierte Stadt vor, die sich beliebig erweitern ließ", erklärt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Andreas Resch gegenüber der "Wiener Zeitung".

Von der Metropole
zum Wasserkopf

Der Erste Weltkrieg sowie der Zerfall des Habsburgerreiches setzten diesen Plänen jedoch ein abruptes Ende. Die als Weltmetropole konzipierte Stadt war plötzlich die Hauptstadt eines nun ungleich winzigeren Landes. Insgesamt verlor die Stadt etwa 200.000 Einwohner, oftmals durch abwandernde Beamten oder Kriegsflüchtlinge. Zudem hatte Wien die aufgeblähte Verwaltung der Monarchie geerbt, die es nun langsam abzubauen galt. Die wichtigste Industrie hingegen war in Tschechien und die Landwirtschaft in Ungarn verblieben.

"Die Versorgungskrise damals rührte aber vor allem vom Zusammenbruch der Landwirtschaft und des Bahnverkehrs infolge des Krieges her", erklärt Resch. "Als sich Ungarn wieder erholt hatte, war man dort froh, wenn Wien wieder Produkte abkaufte."

Im Vergleich zu Restösterreich war Wien überproportional groß. Damals noch mit Niederösterreich zu einem Bundesland zusammengefasst, lebten 1919 rund 3,5 Millionen Menschen in dieser Region. Im Rest der nunmehrigen Alpenrepublik, die als "Republik Deutsch-Österreich" ausgerufen wurde, waren es (ohne das Burgenland und den Bezirk Völkermarkt, die bis 1920 noch zum Königreich Ungarn gehörten) lediglich 2,84 Millionen Einwohner.

Aufgrund der hohen Bevölkerungskonzentration und der überbordenden Bürokratie in der Stadt prägte sich für Wien die Bezeichnung als "Wasserkopf" ein. Wobei dieser Begriff vor allem politische Agitation war, wie Resch betont. "Zwischen Wien und dem Rest der Republik gab es immer schon Unterschiede." Während in Wien die Sozialdemokratie ihren Aufschwung erlebte, war das konservative Umland von der christlich-sozialen Partei, der Vorgängerin der ÖVP, geprägt. Ihre Stärke in Wien verschaffte der Arbeiterpartei jedoch eine dünne Mehrheit im niederösterreichischen Landtag und anfänglich sogar den Landeshauptmann.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-11-06 17:34:09
Letzte Änderung am 2018-11-07 08:18:30


Vor Gericht

"Ich dachte, dass ich sterben muss"

So sauber und korrekt wie hier soll es bei den Operationen des Angeklagten nicht zugegangen sein: Er soll teils in Straßenkleidung, ohne Mundschutz und Handschuhe operiert haben. - © apa/Roland Schlager Wien. Auch heute noch ist Frau T. von dem Eingriff traumatisiert. Sie beginnt zu weinen, als sie davon erzählt. Erst nachdem ihr ein Wasser gereicht... weiter




Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tourist Central
  2. Schlechtes Klima in der Hofreitschule
  3. "Nächtigungszahlen sind uninteressant"
  4. Sonja Klima wird neue Chefin der Spanischen Hofreitschule
  5. Immer mehr Frauen als Mordopfer
Meistkommentiert
  1. Wiens Pläne laut Juristen unzulässig
  2. Ludwig kontert Kritik von Kurz und Strache
  3. "Ab 2021 sind E-Autos massentauglich"
  4. Keine Toleranz beim Thema Gewalt
  5. Sonja Klima wird neue Chefin der Spanischen Hofreitschule

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung