• vom 08.11.2018, 18:38 Uhr

Stadtleben

Update: 08.11.2018, 19:02 Uhr

Moshe Jahoda Platz

"Grandpa, I hope you’re watching"




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Von Maren Häußermann

  • Der Platz an der Kreuzung Turnergasse und Dingelstedtgasse im 15. Bezirk wurde nach Moshe Jahoda benannt.

- © Maren Häußermann

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Wien. Der Wind bewegt die Zweige der kahlen Bäume, während das Totengebet, gesungen von Shmuel Barzilai, Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde, die Straßen erfüllt. Circa hundert Besucher stehen andächtig im Licht der grellen Straßenleuchte. Moshe Jahodas Familie aus Israel ist zu zwölft angereist, aus New York sind Mitarbeiter der Claims Conference da, mit denen Jahoda an den Restitutionsverhandlungen mit der Republik Österreich gearbeitet hat, ebenso Freunde aus Berlin.

An der Kreuzung Turnergasse und Dingelstedtgasse wurde während des Novemberpogroms vom 9. auf den 10. November 1938 der Turnertempel in Brand gesetzt, die Synagoge der Wiener Juden im 15. Bezirk. Erst vor fünf Jahren wurde an der Stelle ein Gedenkplatz errichtet. Maßgeblich dafür eingesetzt hat sich der 2016 verstorbene Moshe Jahoda.


Auf den abfallenden, eckigen Holzbalken, die sich auf dem Gedenkplatz kreuzen, haben die Veranstalter transparente Plastiksackerln aufgestellt. Darin flackern künstliche Teelichter und beleuchten das aufgedruckte Zitat Jahodas: "Der Turnertempel, wie er verbrannt wurde, hat einen Teil meiner Kindheit mit verbrannt".

Albträume bis zum Lebensende



Am 11. Mai 1926 wurde er als Hans Jahoda in Wien geboren. Sein Großvater Simon Brück war Ehrendiener im Turnertempel, er selbst sang dort im Chor. Als Kind wurde er Augenzeuge der Gewaltmaßnahmen gegen Juden. Er konnte 1939 als 13-Jähriger mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen. Seine Eltern und seine kleine Schwester Gerti wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Bis an sein Lebensende hatte Jahoda Albträume vom Holocaust und von der brennenden Synagoge, sagt sein Enkel Ronen Jahoda. Als er nach Österreich zurückkehrte und Freundschaft, Liebe und Sympathie erfuhr, sei er zunächst überrascht gewesen, aber auch dankbar.

Mehrfach sind die Redner zu Tränen gerührt, als sie über den Mann sprechen, der ihr Freund war und dem sie mit der Platzbenennung gedenken. Am Ende seiner Rede grinst Ronan Jahoda zum Nachthimmel: "Grandpa, I hope you’re watching" (Großvater, ich hoffe, du schaust zu).

Es war eine sehr intime Veranstaltung, sagt die Profil-Redakteurin Marianne Enigl während der anschließenden Podiumsdiskussion in der Turnhalle, früher Teil einer jüdischen Schule, heute geschichtsträchtiges Lokal in der Herklotzgasse 21. Gemeinsam mit dem Betreiber Günther Hopfgartner, dem Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal und dem Schriftsteller Doron Rabinovici sitzt Enigl um einen rechteckigen Tisch in der Mitte des Raumes. Unter der Moderation der Ö1-Journalistin Tanja Malle sprechen sie über die Aufarbeitung der Vergangenheit und darüber, wie die Geschichte mit der Gegenwart verknüpft werden kann. Auch die Gäste stellen sich dieser Frage.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-08 18:49:21
Letzte Änderung am 2018-11-08 19:02:32


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