• vom 28.11.2018, 15:46 Uhr

Stadtleben

Update: 29.11.2018, 11:01 Uhr

Stadtgeschichte

Vom Nobelvarieté zur Unterweltspelunke




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Clemens Marschall

  • Das Lokal "Zum Sperl" in der Leopoldstadt ging durch sämtliche Höhen und Tiefen - heute steht dort ein Gymnasium.

Eine zeichnerische Nachbildung des Tanzlokals, dessen Vorbesitzer der Jäger Sperlbauer war.

Eine zeichnerische Nachbildung des Tanzlokals, dessen Vorbesitzer der Jäger Sperlbauer war.© Kadotheum Eine zeichnerische Nachbildung des Tanzlokals, dessen Vorbesitzer der Jäger Sperlbauer war.© Kadotheum

Wien. "In der Leopoldstadt und speziell auf der Praterstraße befanden sich neben den Varietés und Kleinbühnen zahlreiche Künstler-Cafés, wo sich Artisten trafen. Und schräg gegenüber der Karmeliterkirche war das Vergnügungslokal ‚Zum Sperl‘", erzählt der Zauberkünstler und Historiker Robert Kaldy-Karo.

Bereits 1862 wurden die Kleine und die Große Sperlgasse nach dem Lokal benannt, das seinen ersten Höhepunkt in der Biedermeierzeit erlebte. Vorbesitzer war der kaiserliche Jäger Johann Georg Sperlbauer, der im 18. Jahrhundert sein Wirtshaus "Zum Sperlbauer" betrieb. Dessen Enkelin heiratete Johann Georg Scherzer, der das Lokal ab 1802 führte und 1807 um einen Gastgarten und einen Tanzsaal erweiterte: die eigentliche Geburtsstunde des Etablissements.


"Feenhafte
Tanzveranstaltungen"

Es dauerte nicht lange, bis Prominente wie Johann Strauss Vater auftraten und das Sperl zu einer der beliebtesten Unterhaltungsstätten avancierte. Man sprach damals gar von "feenhaften Tanzveranstaltungen", die für jene, die es sich leisten konnten, zum Ereignis wurden. Zwischen 20 bis 30 große Ballveranstaltungen fanden jährlich im Sperl statt, wobei immer eine bekannte Kapelle spielte.

Johann Strauss Vater widmete dem Lokal 1830 "Sperls Festwalzer, op. 30", 1831 den "Sperl-Galopp, op. 42" und 1839 die "Sperl-Polka, op. 133". Der Schauspieler und Dramatiker Ferdinand Raimund bewarb das Lokal mit einem Lied aus seiner Zauberposse "Der Diamant des Geisterkönigs". Und auch der Schriftsteller und Dramatiker Heinrich Laube zeigte sich von der Atmosphäre begeistert: "Der ganze Garten des Sperls in der Leopoldstadt brennt dann mit tausend Lampen, alle Säle sind geöffnet, Strauß dirigiert die Tanzmusik, Leuchtkugeln fliegen, alle Sträucher werden lebendig." Laube schrieb weiters, dass es vor allem die damals modernen Walzer waren, die "gleich dem Stich einer Tarantel das junge Blut in Aufruhr bringen".

1839 wurde das Lokal von Scherzer und einem seiner Söhne im Stil von Pariser Sälen umgestaltet: Die Institution hatte damals
ihre Noblesse perfektioniert und galt als eines der vornehmsten Lokale der Monarchie. Die erfolgreichsten Zauberkünstler, Jongleure, Artisten und Solomusiker traten auf und ließen sich feiern. Doch 1857 verkaufte Scherzer sen. sein Prestigeobjekt und starb nur kurze Zeit danach.

"Sie war der Gipfel
der Verruchtheit"

In Folge wurde das Lokal volkstümlicher, bald derber: Die Volkssänger, die man aus Kostengründen holte, konnten das Niveau der eleganten Ballnächte nicht halten. Das Sperl verkam zunehmend, in absehbarer Zeit verkehrten hier nur noch zwielichtige Gestalten der Unterwelt, es kam zu Raufereien und Messerstechereien.

Zu den legendären Figuren, die dort in der halbseidenen Zeit zu sehen waren, gehörte die in Jockeykostüm, engen Hosen und mit Reitgerte auftretende "Fiaker-Milli", so Kaldy-Karo: "Die Fiaker-Milli galt als Gipfel der Verruchtheit. Sie und auch Fanny Hornischer waren für damalige Zeiten sehr gewagt bekleidet, tanzten Cancan und befanden sich am Rande der Prostitution."

Auf den Abstieg folgte allerdings das baldige Ende: 1873, im Jahr der Wiener Weltausstellung, wurde das Sperl geschlossen und abgerissen. Wenig später wurde an der Stelle das Sperl-Gymnasium errichtet, das bis heute besteht.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-28 15:58:32
Letzte Änderung am 2018-11-29 11:01:33


Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter




Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  2. Proteste gegen "Grätzl-Wall"
  3. "Machbares vom Nötigen unterscheiden"
  4. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  5. Ein Hochsee-Dampfer vor Anker in Wien
Meistkommentiert
  1. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  2. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  3. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit
  4. Wien rückt ein Stück näher an Bratislava
  5. Soros’ Zentraleuropa-Uni kommt nach Wien

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung