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Update: 29.11.2018, 19:45 Uhr

Wien

Marktordnung schmeckt Standlern nicht




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Von Pia Lenz

  • Verpflichtende Öffnungszeiten, neue Regelung beim Weitergaberecht und Rauchverbot stoßen auf Unmut.

Vor allem die Kernöffnungszeiten bereiten manchen Standlern Probleme.

Vor allem die Kernöffnungszeiten bereiten manchen Standlern Probleme.© Lenz Vor allem die Kernöffnungszeiten bereiten manchen Standlern Probleme.© Lenz

Wien. Frischer Fisch, heimisches Obst und saisonale Schmankerl: Die insgesamt 22 Wiener Märkte haben derzeit mit ihren 738 Ständen eine breite Vielfalt an regionalen, aber auch exotischen Produkten zu bieten. Doch einige der Marktstände könnten mit ihren Produkten schon bald von der Bildfläche verschwinden.

Denn: Die vor rund zwei Monaten eingeführte neue Marktordnung gefällt vielen Markthändler ganz und gar nicht. Eine neu eingeführte Regel betrifft etwa die Kernöffnungszeiten. Seit 1. Oktober müssen die Standler verpflichtend ihre Stände von Dienstag bis Freitag zwischen 15 und 18 Uhr und am Samstag von 8 bis 12 Uhr offen haben. Ein Grund für Peter Neumeister, dessen Obst und Gemüsestand am Floridsdorfer Markt seit 1964 von der Familie geführt wird, seinen Stand zuzusperren: "Ich habe vor sieben Jahren beschlossen, dass ich am Nachmittag geschlossen habe, weil die Frequenz zu gering ist. Die Verkäuferin kostet mich am Nachmittag um einiges mehr, als ich Umsatz mache."

Schlechte Bewertung der Standler

Auch Helmut Klima, dessen Fischstand seit 1927 am Meidlinger Markt steht und somit der älteste vor Ort ist, sieht die Öffnungszeiten mehr als kritisch: "Sie wollen uns mit den großen Industrien wie Merkur, Interspar, Hofer etc. vergleichen, aber so groß sind wir nicht, da haben wir keine Chance. Ich steh von acht Uhr in der Früh da, vorher bin ich beim Großhandel einkaufen und nach 18 Uhr mache ich dann noch die ganze Buchhaltung. Es ist ein sehr langer Arbeitstag und das nicht im Warmen. Auch meine Gesundheit leidet darunter." Mit ihrer Kritik sind die beiden Wiener Standler nicht allein. In einer Umfrage der Forschung für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) wurden im Auftrag der Wiener Wirtschafskammer (WKW) 107 Standler zu den neuen Richtlinien befragt. Rund 39 Prozent zeigten sich mit den Kernöffnungszeiten überhaupt nicht zufrieden, während sie nur 22 Prozent als positiv bewerteten.

Märktestadträtin Ulli Sima begründet die Einführung der verpflichtenden Öffnungszeiten so: "Im Zentrum stehen für uns ganz klar die Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten, diese wollen - ähnlich wie in Einkaufszentren - bei ihrem Einkauf garantiert offene Stände vorfinden. Und daher haben wir die sogenannten Kernöffnungszeiten eingeführt. Sowohl die Standler als auch die Konsumenten wurden im Vorfeld breit darüber informiert."

Rainer Trefelik, der Spartenobmann des Wiener Handels, hält es nach einem Rückblick auf die letzten zwei Monate jedoch für wichtig, eine regionale Differenzierung der Märkte bezüglich der Öffnungszeiten durchzuführen und appelliert an die Stadt um ein erneutes Überdenken der Ordnung: "Es ist zwar gut gemeint von der Stadt Wien und in vielen Aspekten stellt die neue Marktordnung auch durchaus einen Fortschritt dar, aber es zeigt sich in der praktischen Arbeit, dass das noch nicht das endgültige und glückliche System sein kann."

Glücklich sieht anders aus, denn rund die Hälfte der Standler bewertet bei der Befragung der KMU die neue Marktordnung auch insgesamt betrachtet als überwiegend negativ. So stößt beispielsweise auch das neu eingeführte Rauchverbot vor allem bei den Gastronomen am Markt auf Unmut. "Jetzt darf der Konsument in den Lokalen am Markt nicht rauchen und vis-à-vis in den Lokalen, da darf geraucht werden, und wo geht der Konsument dann hin? Natürlich da, wo er rauchen darf. Da gibt es Umsatzeinbrüche bis zu 70 Prozent bei unseren Gastronomen am Markt", räumt Peter Neumeister ein.

Neben den verpflichtenden Öffnungszeiten und dem Rauchverbot wird auch die neue Regelung des Weitergaberechts von den Markthändlern stark kritisiert. Bei einem Verkauf des Standes bekommt der Käufer laut neuer Ordnung nun den Stand nicht mehr unbefristet wie bisher, sondern erhält eine Zuweisung auf 20 Jahre. "Das ist eine klare Wertminderung, eine Art Stillenteignung. Das tut echt weh. Ich spiele wirklich mit dem Gedanken zu verkaufen", zeigt sich Helmut Klima geschafft.

"Die Stadt wollte die Weitergaben in einen vernünftigen wirtschaftlichen Rahmen einbetten. Da waren die 20 Jahre dann ein guter Kompromiss, der gefunden wurde", verortet der Spartenobmann diesen Punkt hingegen positiv. Ziel der Stadt war es, mit der neuen Marktordnung die Wiener Märkte attraktiver zu gestalten, doch aus Sicht vieler Händler zog die neue Ordnung bisher nur Einschränkungen mit sich. "Wir hoffen jetzt auf erneute Gespräche mit der Stadt Wien, um eine Adaptierung zu erreichen und um die Märkte gemeinsam zu attraktivieren. Außerdem sollten, wie es derzeit der Fall ist, noch keine Strafen für das nicht Einhalten der Öffnungszeiten ausgestellt werden und die Händler dadurch der Gefahr ausgeliefert sein, den Stand zu verlieren bzw. gegenteilig keinen Umsatz zu machen", sagt Rainer Trefelik.

"Bezirksvorsteher und Standler waren eingebunden"

Die Stadt reagiere auf den Wunsch eines weiteren gemeinsamen Dialogs laut Spartenobmann jedoch derzeit eher zwiespältig. Dennoch sei die WKW positiv gestimmt, was erneute Verhandlungen betreffe. Auf Anfrage der "Wiener Zeitung" hieß es von Stadträtin Sima, dass bereits mehr als ein Jahr lang intensiv an der neuen Marktordnung gearbeitet wurde. Außerdem seien sowohl Bezirksvorsteher als auch Vertreter der Standler in die Diskussion eingebunden gewesen. Eine konkrete Antwort bezüglich erneutem Gespräch oder Änderung der Öffnungszeiten gab es von ihrer Seite jedoch nicht.





Schlagwörter

Wien, Marktordnung, Märkte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-29 18:04:37
Letzte Änderung am 2018-11-29 19:45:46


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