Wien. Beim Sprinten ließ er jüngere Männer hinter sich, als fit und kräftig galt Herr W. Mit seiner Blindheit konnte der 68-Jährige umgehen - und auch am Freitag, dem 7. Dezember, war er, wie gewohnt, mit seinem Blindenstock in der U3 unterwegs. Bei der Station Volkstheater stieg er aus dem Zug Richtung Ottakring.

Dort verlor er die Orientierung. W. überquerte den Bahnsteig und stürzte auf die Gleise in Richtung Simmering. "Zwischen Sturz und einfahrender U-Bahn lagen nur wenige Sekunden", hieß es seitens der Wiener Linien. Einen Zugnotstopp am Bahnsteig habe daher niemand einleiten können.

Ein Zeuge wagte dennoch einen Rettungsversuch und eilte hinunter. Vergebens. Er konnte sich gerade noch selbst in die Fluchtnische zwängen, als der Zug einfuhr. Auch die vom Fahrer eingeleitete Notbremsung rettete das Leben des Mannes nicht.

Fremdverschulden und Suizid wurde von der Polizei ausgeschlossen. Von einem "tragischen Unfall" sprachen die Wiener Linien. Die Tragödie beunruhigt Blinde - auch weil es mit W. gerade einen fitten und seit Jahrzehnten blinden Mann traf. Angesichts des Unglücks fordert Monika Weinrichter die Wiener Linien zum Handeln auf. Sie ist im Verein Blickkontakt, der sich für sehbehinderte und blinde Menschen einsetzt, für den Bereich Mobilität und Infrastruktur zuständig.

Der Winter als Problemzeit

"Die Blinden-Leitlinien sind in vielen U-Bahn-Stationen in einem schlechten Zustand", klagt Weinrichter. Das liege vor allem an der mangelhaften Wartung: "Die Höhe der Leitlinien ist ohnehin schon sehr gering. Und selbst diese geringe Höhe nimmt mit der Zeit durch die Begehung ab", sagt die blinde Frau.

Das mache es schwer, die Leitlinien zu spüren - was besonders im Winter problematisch sei. "Mit dem Stock immer die Leitlinien entlangzugehen, funktioniert ja nicht immer so gut, weil oft viele Leute im Weg stehen - gerade jetzt in den U3-Stationen in der Weihnachtszeit", sagt Weinrichter. In solchen Fällen weiche man daher auf das Erspüren der Linie mit den Schuhen aus. "Aber im Winter hat man dicke Schuhe an, wodurch man die Linien erst recht nicht spürt", erklärt sie.

Dabei sei gerade die Leitlinie für die Sicherheit der Blinden entscheidend, denn: "Die gelbe Warnlinie zum Gleis hin ist gar nicht spürbar." Erst vergangene Woche sei sie, wie bereits mehrmals zuvor, in eine gefährliche Situation geraten: "In der U3-Station Landstraße bin ich unabsichtlich über die Leitlinien gegangen und mit dem Blindenstock über die Bahnsteigkante gekommen." Auch bei der Station Volkstheater, die Weinrichter nach dem Unfall aufsuchte, seien "die Leitlinien durch die Schuhsohle kaum wahrnehmbar". Weinrichter fordert eine bessere Wartung. Auch sollen sämtliche Systeme jenem in der U4-Station Heiligenstadt angeglichen werden. "Dort sind die Linien tiefer und härter. Die spürt man sofort und weiß, dass hier der sichere Bereich ist."

U3-Stationen werden nicht nachgerüstet

Die Wiener Linien betonen, dass "alle unsere Blindenleitsysteme den vorgegebenen Normen entsprechen und mit den Blindenverbänden abgestimmt sind". Man reinige die Systeme täglich, um etwa Ablagerungen zu vermeiden. "Einmal pro Woche findet zusätzlich eine Nassreinigung statt."

Derzeit gebe es bei den Leitliniensystemen, je nach Station, drei Ausführungen: Manche seien aus Kaltplastik, andere aus Keramik, andere seien in den Boden gefräst, so eine Sprecherin. Derzeit rüste man stückchenweise, im Falle der Renovierung bestehender Stationen, Kaltplastik-Systeme auf Keramik um. Die Unfallstation Volkstheater und andere U3-Stationen sind davon nicht betroffen: Dort wird das gefräste System angewandt, das auch weiterhin bestehen bleiben soll: Eine Umrüstung ist laut den Wiener Linien nicht geplant.