• vom 17.01.2019, 09:30 Uhr

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"Wenn es darum geht, was bedürftige Menschen brauchen, denken die meisten Leute zuerst an Nahrungsmittel oder Kleidung. Das ist auch überlebensnotwendig. Dann kommen aber Dinge des täglichen Bedarfs dazu, auf die oft vergessen wird", gibt Reiter zu bedenken. Dazu gehöre etwa die Möglichkeit, sich zu waschen oder die Zähne zu putzen. Für Menschen in schwierigen Situationen ist so etwas oft keine Selbstverständlichkeit. "Das ist aber für Hygiene, Gesundheit und Wohlbefinden immens wichtig", so Reiter. Außerdem fördere es das Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft. Wer nicht sauber ist oder sich nicht sauber fühlt, traut sich weniger unter Menschen, geschweige denn zu einem Vorstellungsgespräch. "Durch solche Hemmungen schließen sich Menschen selbst aus, es ist eine Abwärtsspirale", meint Reiter.

Kooperation mit "Spendition"
Nach der Vereinsgründung 2016 und der ersten "Probespende" 2017, hat die Fairmittlerei im vergangenen Jahr ihre Arbeit vollständig aufgenommen. Die Organisation verzichtet auf ein eigenes Büro und agiert vom Co-Working-Space Impact Hub Vienna in der Lindengasse aus. Die 17 Mitarbeiter sind alle ehrenamtlich mit von der Partie, auch Reiter selbst ist nicht angestellt. "Wenn wir noch Förderungen lukrieren, können wir vielleicht bald jemand anstellen, der mithilft, das Unternehmen schneller auszubauen", so der Fairmittlerei-Chef.

Für die Sachspenden wurde ein Lager in Traiskirchen angemietet. "Der Betreiber ist uns mit den Konditionen aber auch entgegengekommen", betont Reiter. Aktuell sind in dem Lager 25 Paletten an verschiedenen Gebrauchsartikeln vorrätig. Was nicht nach viel klingt, können trotzdem enorme Mengen sein. "Wäre unser jetziger Bestand beispielsweise nur Flüssigseife, entspräche das 17.500 Flaschen", so Reiter.

Auch ein eigenes Vertriebsnetz gibt es nicht. "Im Großraum Wien arbeiten wir mit der gemeinnützigen Organisation ‚Spendition‘ zusammen", erklärt Reiter. Die Spendition sammelt alte Möbel von Privatpersonen und Firmen ein und bringt diese kostenfrei zu Non-Profit-Organisationen. Gebrauchte Küchenzeilen oder Regale statten so Wohnungen für Menschen mit Pflegebedarf, Unterkünfte für Wohnungslose oder resozialisierte Häftlinge aus. Restösterreich wird über die Verträge des Traiskirchner Lagers mittels Paketdiensten beliefert. Die Versandkosten werden den Non-Profit-Organisationen in Rechnung gestellt. Eigenen Lieferservice wird die Fairmittlerei laut Reiter in den nächsten Jahren nicht aufbauen. So können gemeinnützige Organisationen günstig auch Markenwaren großer Unternehmen wie Henkel, Kastner oder Colgate-Palmolive erstehen.

Gesammelt wird wegen der räumlichen Nähe vor allem im Großraum Wien, Interessenten kommen aber beispielsweise auch aus Kärnten und Oberösterreich. Das Auftreiben von Sachspenden gestaltet sich aber mitunter sehr schwierig, wie Reiter erzählt. Denn trotz der Bereitschaft der Unternehmen, ihre Ausschüsse an die Fairmittlerei abzugeben, fehlen oft interne Prozesse dafür. "Oft wissen ist gar nicht klar, welche Stelle im Betrieb dafür zuständig ist. Ansprechpartner sind kaum ausgeschildert", sagt er.

Spenden billiger als Wegwerfen
Dabei wären Unternehmen gut beraten, Ausschüsse effizient loszuwerden. Denn sie können aus vielfältigen Gründen auf ihrer Ware sitzen bleiben. Seien es Farbabweichungen am Etikett, Musterware, Überschüsse aufgrund zu kleiner Bestellungen, beschädigte Überverpackung, saisonal bedingte Verpackungen oder dass Abnehmer kurzfristig vom Liefervertrag zurücktreten.

"Bevor dann Waschmittel umgefüllt oder neue Etiketten gedruckt und die alten überklebt werden, wird die Ware in der Regel lieber entsorgt", meint Reiter. Aus seiner Zeit im Marketing und Vertrieb des Drogerie-Artikel-Riesen Henkel kann er sich noch gut an die regelmäßigen Diskussionen über Ausschuss- und Musterware erinnern. "In den Bilanzen und Geschäftsberichten mancher Unternehmen werden die Vernichtung und das Spenden nicht verkaufter Ware in einer Zeile gemeinsam zusammengefasst. Das macht deutlich, dass hier noch viel Bewusstsein fehlt", gibt Reiter überdies zu bedenken.

"Ware wegzuwerfen mag der einfachere Weg sein, aber der Entsorgungsdienst will auch bezahlt werden. Spenden hingegen ist für die Unternehmen gratis und sie tun dabei auch noch etwas Gutes", meint er.

Mehr Informationen unter:

www.diefairmittlerei.at

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-16 16:59:33
Letzte Änderung am 2019-01-16 21:50:30



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