• vom 19.01.2019, 08:30 Uhr

Stadtleben


Wien

Tourist Central




  • Artikel
  • Kommentare (8)
  • Lesenswert (64)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Daniel Bischof

  • Immer mehr Reisende kommen nach Wien, sie verteilen sich aber kaum. Bei Anrainern wächst der Unmut. Lassen sich die Ströme steuern?

Im Souvernirgeschäft. - © Julia Dragosits

Im Souvernirgeschäft. © Julia Dragosits

Ein alltägliches Bild: Touristen warten vor dem Café Central auf einen Tisch.

Ein alltägliches Bild: Touristen warten vor dem Café Central auf einen Tisch.© Julia Dragosits Ein alltägliches Bild: Touristen warten vor dem Café Central auf einen Tisch.© Julia Dragosits

Wien. Die Schlange vor dem Café Central ist geduldig. Entspannt harren die Touristen bei noch so widriger Witterung aus, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten auf einen Tisch wartend. Es gibt zwar andere Cafés in der Umgebung, bei denen man nicht anstehen muss. Im Café Central aber müsse man gewesen sein, schreiben Besucher auf der Internet-Reiseplattform Tripadvisor. 10.701 Mal wurde das Café in der Herrengasse dort bewertet - meist mit "ausgezeichnet". Und steht nicht in jedem Reiseführer, dass Sigmund Freud, Leo Trotzki und Franz Kafka regelmäßig dort verkehrten? Das muss doch eine kleine Wartezeit wert sein.

Bald könnten die Reisenden noch länger warten. Wien ist attraktiv. Immer mehr Touristen zieht es in die Stadt. Die Nächtigungszahlen haben sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. 7,7 Millionen Nächtigungen wurden 1998 verzeichnet, 2017 waren es 15,51 Millionen. Und auch 2018 - die Jahresstatistik liegt noch nicht vor - ist mit einem Höchststand zu rechnen: Von Jänner bis Oktober 2018 gab es bereits ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.


Die Attraktivität birgt Gefahren. Städte wie Amsterdam, Barcelona und Venedig können ein Lied davon singen. Touristisches Leben verdrängt dort einheimisches, mancher Stadtteil hat sich vollends der Reiseindustrie unterworfen. Denn der anschwellende Besucherstrom verteilt sich kaum, sondern fließt in die immer gleichen Straßen und Sehenswürdigkeiten. So auch in Wien, wo Bereiche in der Innenstadt und eine Handvoll Attraktionen außerhalb besucht werden. Ein Beispiel ist Schönbrunn, wo der Eintritt ins Schloss kostenpflichtig ist. 3,8 Millionen Eintritte wurden 2017 gezählt, 2002 hatte man noch 1,85 Millionen Tickets verkauft.

"Ein Slalomlauf"

Souvenirgeschäfte gebe es in der Innenstadt immer mehr, meinen Anrainer.Georg Gaugusch, Inhaber des Traditionsgeschäfts "Wilhelm Jungmann& Neffe".

Souvenirgeschäfte gebe es in der Innenstadt immer mehr, meinen Anrainer.Georg Gaugusch, Inhaber des Traditionsgeschäfts "Wilhelm Jungmann& Neffe".© Julia Dragosits Souvenirgeschäfte gebe es in der Innenstadt immer mehr, meinen Anrainer.Georg Gaugusch, Inhaber des Traditionsgeschäfts "Wilhelm Jungmann& Neffe".© Julia Dragosits

Besonders betroffen sind die Kärntner Straße und ihre Umgebung. Dort klopft der Unmut an die Türen der Anrainer. Der Opernsänger Clemens Unterreiner ist einer von ihnen. Seit seiner Geburt lebt er in einer Seitengasse der Kärntner Straße. "Grundsätzlich ist es eine Wohltat, etwas Besonderes, im Zentrum einer Stadt aufwachsen und leben zu dürfen", schwärmt er. Doch liegt ihm auch ein Klagelied auf den Lippen.

"Es ist umständlicher geworden, in der Innenstadt zu leben", sagt Unterreiner. Früher habe man noch geraden Schrittes über die Kärntner Straße gehen können. "Nun gleicht es einem Slalomlauf durch Touristenmassen, Schanigärten, Happenings und Straßenmusikanten. Die Innenstadt ist eine Entertainment-Zone geworden." Deutlich enthemmter und lauter gehe es zu, auch der Partytourismus habe zugenommen, meint er. "Ein lebendiges, einheimisches Leben findet nicht mehr statt." Dabei bestehe der Charme einer Innenstadt gerade aus dem bunten Gemisch an Touristen und Einheimischen.

weiterlesen auf Seite 2 von 4




8 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 16:41:49
Letzte Änderung am 2019-01-18 17:56:38



Vor Gericht

"Ich dachte, dass ich sterben muss"

So sauber und korrekt wie hier soll es bei den Operationen des Angeklagten nicht zugegangen sein: Er soll teils in Straßenkleidung, ohne Mundschutz und Handschuhe operiert haben. - © apa/Roland Schlager Wien. Auch heute noch ist Frau T. von dem Eingriff traumatisiert. Sie beginnt zu weinen, als sie davon erzählt. Erst nachdem ihr ein Wasser gereicht... weiter




Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Modal Split ist bezirksabhängig"
  2. Brauner verlässt Parteivorstand
  3. "Ich war in so einer Spirale"
  4. Der berühmteste Katzenfreak von Wien
  5. Rechnungshof kritisiert zu teure Poller
Meistkommentiert
  1. Mehr Sicherheit vor Schulen
  2. "Milli Görüs ist extrem anti-integrativ"
  3. Neos fordern 13,8 Millionen Euro für sicherere Schulwege
  4. Die Letzten werden die Ersten sein
  5. Neue Kinderpsychiatrie im Wiener AKH bis 2020

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter





Tiere in Wien

Mama als Hängematte

20190131Faultier-Baby in der Hängematte namens Mama - © Norbert Potensky Wien. Rund 14 Stunden am Tag dösen die beiden Faultiere Alberta und Einstein im Tiergarten Schönbrunn vor sich hin... weiter






Werbung