• vom 15.03.2007, 19:03 Uhr

Stadtleben

Update: 16.03.2007, 14:44 Uhr

"Gstättn" statt florierendem Stadtteil: Mangels Passagieren könnte Station Aderklaaer Straße aufgelassen werden

Neuer U1-Station droht Totalsperre




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Von Christian Mayr

  • Wiener Linien überlegen, neue Station wieder aufzulassen.
  • Kaum Fahrgäste in der Aderklaaer Straße.
  • Neuer Stadtteil durch Rechtsstreit blockiert.
  • Wien. Fast ein halbes Jahr nach der Eröffnung sorgt die verlängerte U1 für einen Knalleffekt: Wie die "Wiener Zeitung" erfährt, gab und gibt es in der Führungsebene der Wiener Linien Überlegungen, die nagelneue Station Aderklaaer Straße (siehe Grafik) wieder aufzulassen - und zwar so lange, bis das Umfeld entsprechend entwickelt ist. Der Hintergrund: Derzeit liegt die Station inmitten einer 20 Hektar großen "Gstättn", weshalb kaum Fahrgäste ein- und aussteigen. Mit einer Sperre könnte man sich jährlich hunderttausende Euro an Betriebskosten sparen und gleichzeitig die U1-Züge um gut zwei Minuten beschleunigen, heißt es.



Gegenüber der "WZ" bestätigte Michael Lichtenegger, Geschäftsführer der Wiener Linien: "Ja, das war eine der Optionen. Aber ich persönlich halte nichts davon, weil man die Anrainer verunsichern würde." Lichtenegger verhehlt nicht, dass die Station derzeit relativ nutzlos sei und nur dann "100 Prozent Sinn macht", wenn der geplante neue Stadtteil schon stehen würde. "Wir hätten sonst dort keine Station gebaut." Auf Nachfrage in der Pressestelle wird die Aussage Lichteneggers leicht revidiert - demnach sei die Sperre derzeit vom Tisch: "Ja, es war eine Überlegung, aber sie ist nie ernsthaft verfolgt worden."


Dennoch: Die Ursache für die bisher beispiellose Misere ist ein seit Jahren schwelender Rechststreit der Wiener Linien mit den umliegenden Grundstückseigentümern. Und nun ist genau das eingetreten, was die "Wiener Zeitung" bereits vergangenen August berichtete: Die Aderklaaer Straße ist eine Geisterstation, die von einer riesigen brachliegenden Fläche umgeben ist. Dabei hätte zur U-Bahn-Eröffnung auf dem Areal der ehemaligen Brachmühle ein florierender neuer Stadtteil mit zwei 100-Meter-Türmen, einem Einkaufszentrum sowie einer Park-&-Ride-Anlage stehen sollen.

Menschenleer - selbst in der morgendlichen Stoßzeit: Jetzt könnte die neue U1-Station Aderklaaer Straße aufgelassen werden. Foto: G. Semrad

Menschenleer - selbst in der morgendlichen Stoßzeit: Jetzt könnte die neue U1-Station Aderklaaer Straße aufgelassen werden. Foto: G. Semrad Menschenleer - selbst in der morgendlichen Stoßzeit: Jetzt könnte die neue U1-Station Aderklaaer Straße aufgelassen werden. Foto: G. Semrad

Bei einem Lokalaugenschein zeigt sich, dass man davon weit weg ist: Die Station ist selbst in der Rush-Hour menschenleer; maximal steigen fünf Personen pro Zug ein - und meist niemand aus. Kaum im Freien, wird der Fahrgast regelrecht vor den Kopf gestoßen: Eine unansehnliche, verrostete Spundwand trennt den neuen asphaltierten Fußweg von der Wildnis, auf der Müll deponiert wird und Autowracks stehen.



OGH-Urteil gegen Öffis
Krönung ist eine Supermarkt-Ruine, die aufgrund der U-Bahn-Trasse in der Mitte durchgeschnitten wurde. Da sind selbst die Aufsichtsorgane der Verkehrsbetriebe sprachlos: "Ein Wahnsinn, das kann ja wohl nicht so bleiben", sagt ein Mitarbeiter.

Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, wird sich daran jedoch auf Jahre nichts ändern - denn der Rechtsstreit geht munter weiter: Wie berichtet, wollten die Wiener Linien einem Grundstückseigner die Parzelle, auf der die U-Bahn verläuft, um 1,5 Millionen Euro ablösen. Im letzten Moment platzte diese gütliche Einigung, da ein neuer Anwalt nur noch 240.000 Euro offerierte. Begründung: Das Grundstück sei ohne die Wertsteigerung durch die U-Bahn zu bemessen.

Folglich kam es zu einer Enteignung - bei der dem Besitzer letztlich annähernd die ursprüngliche Summe (1,392 Millionen plus eine Million Euro an Sicherheitsleistung) zugesprochen wurde. Diesen Betrag hat der Oberste Gerichtshof zwar jüngst wieder aufgehoben (OGH 2 Ob 282/05t) - doch nun droht es für die Wiener Linien erst empfindlich teurer zu werden: Denn der OGH stellte fest, dass der Plangewinn durch die U-Bahn sehr wohl miteinberechnet hätte werden müssen.

" Für uns ist das ein günstiges Urteil. Ich rechne damit, dass wir nun bis zu vier Millionen bekommen werden", sagt Hans Spohn, Anwalt des Grundstückseigners. Sein Mandant (er will anonym bleiben) ergänzt: "Hätten die Wiener Linien ihre Zusagen eingehalten, hätte man dem Steuerzahler Millionen erspart - und es gäbe keine Probleme mit der Station." Denn solange der Streit nicht beendet sei, wären die Grundstücke blockiert. Einer etwaigen Stations-Sperre sehen beide aber gelassen entgegen: "Jeder weiß: Wenn dort etwas steht, würde sofort wieder aufgemacht. Daher verlieren die Flächen auch nicht an Wert."



"U1 ist Erfolgsgeschichte"
Anders sehen die Wiener Linien die Causa: Beim Gegner handle es sich um einen "Spekulanten", der sich mit der Entschädigung "gesund stoßen" wollte. Dass sich jedoch die Wiener Linien verspekuliert hätten und es aufgrund des OGH-Urteils nun teurer werde, glaubt man nicht: "Das müssen die Richter entscheiden." Insgesamt sei die 560 Millionen teure U1-Verlängerung eine "Erfolgsgeschichte": So habe man etwa am Kagraner Platz die Fahrgastzahlen um 165 Prozent auf täglich 52.000 steigern können.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-03-15 19:03:35
Letzte Änderung am 2007-03-16 14:44:00

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