• vom 21.07.2005, 09:15 Uhr

Stadtleben

Update: 21.07.2005, 09:26 Uhr

Boden-Schätze & Bau-Juwele

Kein Talent mit Otto Wagner




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Werner Grotte

  • Neben Schönbrunn und Stephansdom zählen Otto Wagners Bauten zu den begehrten Zielen von Wien-Besuchern aus aller Welt. Die im Zuge der Wien-Erweiterung unter Kaiser Franz Joseph 1898 eröffnete Vorortelinie war - zusammen mit den Wiental und Gürtel-Stadtbahn-Linien - Teil eines umfassenden Stadtverkehrsnetzes. Während die Wiener Linien ihre historischen U4- und U6-Stationen halbwegs pflegen, nennen die ÖBB ihre neuen Vorortelinien-Züge zwar "Talent", lassen aber beim Erhalt der Baudenkmäler pflegerische Begabung vermissen.

Die um 1890 vollzogene Stadterweiterung und -regulierung Wiens im Norden und Westen mit Eingemeindung der bisherigen Vororte machte auch infrastrukturelle Verbesserungen nötig. So wurde neben der Kanalisierung auch der Bau einer Verbindung zwischen den zahlreichen in Wien endenden, damals noch privat finanzierten Bahnstrecken in Angriff genommen.


Mit dem Spatenstich am 16. Februar 1893 in Michelbeuern begann der Bau der Stadtbahn, die nicht nur die Mobilität der rasant wachsenden Wiener Population und deren Güterversorgung, sondern auch die Beweglichkeit der k.&k. Armee verbessern sollte. Im Gegensatz zu den Wiental-, Donaukanal- und Gürtel-Linien entstanden an der Vorortelinie auch größere Frachtenbahnhöfe wie Ottakring, Hernals oder Gersthof.

Jahrzehntelanger Verfall

Im ersten Weltkrieg rollten noch Truppentransporte über die Vorortelinie, danach diente sie fast nur noch dem Freizeitverkehr mit "Bäderzügen" zu den nahe liegenden großen Volksbädern wie Kongressbad oder Hohe Warte-Bad. Die anderen Stadtbahn-Linien waren 1924 der Stadt Wien überantwortet worden, die sie elektrifizierte und auf Straßenbahn-Waggons umstellte. Die im Eigentum der Staatsbahn verbliebene Vorortelinie hingegen wurde im Jahr 1939 komplett eingestellt.

** Bis zum Beginn der Revitalisierung durch Stadt Wien und Bund ("Staatsvertrag") im Jahr 1983 verfielen Stationen, Brücken und Gleisanlagen völlig und mussten teils sogar wegen Einsturzgefahr gesichert werden. Die Endstellen Hütteldorf bzw. Heiligenstadt waren durch die bestehende Bundesbzw. U-Bahn-Nutzung weitgehend intakt, andere Stationen wie Gersthof, Hernals oder Ottakring wurden generalsaniert, Breitensee, Krottenbachstraße und Oberdöbling - stilistisch angepasst - völlig neu errichtet.

Pflegekonzept vermisst

Wo Original-Teile nicht mehr vorhanden oder nicht mehr zu reparieren waren, etwa bei den Beleuchtungskörpern, wurden sie nachgebaut, ab 1987 war wieder die gesamte Strecke befahrbar.

Seit damals hat sich allerdings nicht mehr viel getan: Verschleiß, Witterung und Vandalen setzen vor allem den Stationsgebäuden hart zu: Allein in Ottakring wird ein bis zweimal pro Woche eine der prächtigen hölzernen Schwingtüren eingetreten, zersplitterte Bodenkacheln werden mit Zement ausgegossen. Seitens der ÖBB versichert man zwar, dass "laufende Instandhaltungsmaßnahmen in den Stationen durchgeführt werden" und man die Kacheln mittelfristig ersetze. Eine neue Kameraüberwachung soll Vandalen abschrecken - in der Praxis sind es aber nicht nur solche, die die Jugendstilbauten zusehends unahnsehnlicher machen.

** "Wenn es nicht bald ein begleitendes Pflege-, Ersatzteil- und Renovierungs-Konzept gibt, ist in fünf Jahren wieder eine Generalsanierung nötig", warnt Bruno Maldoner vom Bundesdenkmalamt, der bei den ÖBB einen "auf historische Hochbauten spezialisierten Ingenieur als ständigen Ansprechpartner" vermisst.

Stil- und Kachel-Bruch

Dabei wären manche Maßnahmen gar nicht besonders kompliziert: Nachdem etwa die historischen Stationen der heutigen U4 oder U6 zugleich mit jenen der Vorortelinie errichtet wurden, wäre es nahe liegend, dass sich Wiener Linien und ÖBB bei der Ersatzteil-Suche oder -Produktion zusammentun. Maldoner urgiert auch entsprechende Schulung des Reinigungspersonals: "Die Holzpaneele werden beim Putzen oft in Wasser ersäuft, die Kacheln draußen bei Minusgraden mit heißem Wasser überschüttet - da ist es kein Wunder, wenn das Material kaputt geht".

**Neue Einbauten für Fahrscheinautomaten oder Fernsprecher wiederum passt man - wie etwa in Hernals - in keiner Weise optisch an, sondern baut sie neben den ursprünglichen Telefon-Nischen ein, während in diesen nur noch lose Kabeln hängen und zu blickgeschützten Vandalenakten geradezu einladen. Die Station Penzing ist ein zusätzlicher Problemfall, denn sie steht - obwohl Teil einer geschützten Strecke - nicht unter Denkmalschutz.

Besonders die nicht überdachten Stationsbereiche weisen grobe Schäden an den Bodenkacheln auf - für diese Bereiche kann sich Maldoner eine "einfachere Bodengestaltung" vorstellen. Die noch verwendbaren Kacheln würden als Ersatzteile für die primär schützenswerten Hauptbereiche der Stationen frei. *



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-07-21 09:15:51
Letzte Änderung am 2005-07-21 09:26:00

Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter




Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  2. Proteste gegen "Grätzl-Wall"
  3. "Machbares vom Nötigen unterscheiden"
  4. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  5. Ein Hochsee-Dampfer vor Anker in Wien
Meistkommentiert
  1. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  2. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  3. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit
  4. Namensschilder sollen bleiben
  5. Marktordnung schmeckt Standlern nicht

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung