• vom 12.07.2005, 12:32 Uhr

Stadtleben

Update: 05.06.2018, 21:12 Uhr

Wiener Museumsstücke

Unser täglich Brot




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Von Johann Werfring


    "Letztes Abendmahl" mit Brot und Lamm. Flügelaltar des Meisters des Schottenaltars, 1469–1480, Schottenstift, Wien. Foto: Katalog

    "Letztes Abendmahl" mit Brot und Lamm. Flügelaltar des Meisters des Schottenaltars, 1469–1480, Schottenstift, Wien. Foto: Katalog "Letztes Abendmahl" mit Brot und Lamm. Flügelaltar des Meisters des Schottenaltars, 1469–1480, Schottenstift, Wien. Foto: Katalog

    Eine Ausstellung über das Essen und Trinken im Mittelalter ist derzeit im "Wien Museum" am Karlsplatz zu sehen. Obwohl sich das Thema – alleine schon in Anbetracht des Umstandes, dass die letzte Mittelalterausstellung des "Wien Museums" nahezu 20 Jahre zurückliegt – eine viel aufwändigere Behandlung verdient hätte, ist der didaktische Rahmen mit den ständisch geordneten Tafeln als durchaus gelungen zu bezeichnen. Bedauerlich ist der viel zu geringe Umfang des Katalogs, der leider auch die Wiener Verhältnisse nur oberflächlich problematisiert.

    Ein Flügelaltar des "Meisters des Schottenaltars" aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zeigt Jesus mit den Jüngern beim "Letzten Abendmahl". Analog zu den Versen des Matthäusevangeliums ist – wie bei zahlreichen anderen Gemälden, die sich mit diesem Thema auseinander setzen – auch bei diesem Bild das auf dem Tisch platzierte Brot ein unentbehrliches Requisit des Geschehens. Obwohl auf einem Teller das Lamm als Symbol für Jesus Christus eine zentrale Stellung in der Mitte des Tisches einnimmt, kommt dem Brot eine nicht minder wichtige Funktion zu. Wörtlich heißt es in der entsprechenden Evangeliumsstelle : "Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden."

    Als im Mittelalter weite Gebiete Europas christianisiert wurden, bildeten dementsprechend Brot und Wein sehr wesentlich die materiellen und ideologischen Grundlagen der neuen, religiös fundierten Kultur. Während dem Brot und dem Wein in den ehemals römisch besetzten Gebieten Germaniens bereits zuvor ein gewisser Stellenwert zugekommen war, vollzog sich nun in jenen Regionen, die ehedem nicht römisch beherrscht waren, einerseits eine Verbindung der Fleischkultur mit der des Brotes und andererseits vermischte sich die Kultur des Bieres mit der des Weines. Vor allem jene Völker, die, wie die Franken, schon frühzeitig zum christlichen Glauben übergewechselt waren, begünstigten die Ausdehnung der römisch-christlichen Ernährungsweise bis in den nordeuropäischen Raum.

    Während die alten Römer als Brotgetreide vor allem Weizen und in geringerem Maße auch Gerste benutzt hatten, bevorzugte man im europäischen Mittelalter Getreide von minderer Qualität. Vor allem der Roggen, den die römischen Agronomen noch als Unkraut eingestuft hatten, avancierte vom 6. bis zum 10. Jahrhundert zur am häufigsten angebauten Getreideart, zumal dieser viel robuster ist als Weizen und fast überall angebaut werden konnte. Um die Risiken der Ernte zu minimieren, säte man den Roggen gemeinsam mit anderen Getreidesorten, wie Gerste, Hafer, Emmer und Dinkel aus. Diese Polykultur berücksichtigte vor allem klimatische Widrigkeiten, und die unterschiedlichen Wachstumszeiten der einzelnen Pflanzen stellten eine Art Rückversicherung dar, um einen Mindestertrag zu gewährleisten.

    Zwar wurde zum Teil auch reinsortiger Weizen angebaut, allerdings blieb dieser den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Prinzipiell aßen die Adeligen, Kleriker und Stadtbürger weißes Brot, während sich die Bauern und städtische Unterschichten mit schwarzem Brot begnügen mussten. Einzig und allein in gewissen mediterranen Regionen, etwa in der Toskana und in Süditalien, ernährte sich auch die mittelalterliche Landbevölkerung von hellem Brot aus Weizen, während es im übrigen Europa jahrhundertelang ein ausgesprochener Luxusartikel war.

    Eine zentrale Bedeutung für die Ernährung breiter Volksschichten erhielt das Brot mit Beginn des 11. Jahrhunderts. Hatte noch im 7. Jahrhundert der Kirchenvater Isidor von Sevilla vermerkt, dass das Brot seinen Namen dem Umstand verdanke, dass man es "zu der anderen Nahrung hinzufügt" (panis dictus, quod cum omni cibo adponatur ), so änderte sich dies im hohen Mittelalter radikal: Alles andere nämlich wird jetzt als zusätzlicher Nahrungsbestandteil (als "Zuspeise") zum Brot betrachtet.

    Die Gewöhnung an das Brot führte dazu, dass die Menschen selbst in Notzeiten unter allen Bedingungen versuchten, es herzustellen. In Hungerzeiten buk man es mit allen nur erdenklichen Zutaten, ja sogar mit Erde, vermischt. Aus Burgund berichtet der Mönch und Geschichtsschreiber Radulf Glaber über die Zubereitung von "Hungerbroten" während der Hungersnot von 1032/1033: "Viele gruben einen weißen Sand aus, der dem Ton ähnelte, und machten daraus, indem sie ihn mit der vorhandenen Menge an Mehl und Kleie vermengten, Brotlaibe, um so zu versuchen, dem Hunger zu entkommen". Allerdings wurden alle Gesichter "bleich und hohl, etliche hatten einen aufgeblähten Körper und gespannte Haut; ihre Stimmen wurden schwach, bis sie der Klage sterbender Vögel glichen." Aber nicht nur Erde, sondern auch allerlei Kräuter und Unkräuter mischte man dem Mehl bei, um wenigstens ein "Hungerbrot" zu haben. Eine Chronik, die von einer Hungersnot in Deutschland des Jahres 1099 handelt, berichtet, dass sich unter den gesammelten Kräutern ein giftiges, "collo" genannt, befand, weshalb viele starben. Das Gebet "Vater unser", und speziell der Vers "unser tägliches Brot gib uns heute", wurde wohl in solchen Zeiten viel bewusster ausgesprochen als in den Perioden des Überflusses.

    *

    UM DIE WURST. VOM ESSEN UND TRINKEN IM MITTELALTER
    Ausstellung im "Wien Museum" am Karlsplatz (bis 8. Jänner 2006)
    Di. bis So 9–18 Uhr, Info: Tel. 01/505-87-47-0, www.wienmuseum.at

    Buchtipp: Oliver Seifert, Kunst und Brot. Hundert Meisterwerke aus dem Museum der Brotkultur. Hirmer Verlag, München 2005, 223 Seiten, Preis: 39,90 Euro.





    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2005-07-12 12:32:59
    Letzte Änderung am 2018-06-05 21:12:04

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