• vom 21.04.2005, 00:00 Uhr

Stadtleben

Update: 21.04.2005, 15:46 Uhr

Boden-Schätze & Bau-Juwele

Rettung einer Rarität




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Von Werner Grotte

  • Otto Wagners wichtigster Schüler und designierter Nachfolger, Josef Plecnik, setzte sich bereits zu Lebzeiten Denkmäler: Als Stadtgestalter Laibachs, als Restaurator des Prager Hradschin, mit dem "Zacherlhaus" in Wien Innere Stadt oder mit der Ottakringer Heiligengeistkirche, die erste ihrer Art aus Stahlbeton. Sein einziges Einfamlienhaus aber, die 1908 erbaute "Villa Graßberger" in der Hernalser Braungasse 41, wurde im Laufe der Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit umgebaut und dann um ein Haar abgerissen. Ein beherzter Privatier lässt sie mit Hilfe der Stadt Wien nun wieder in den Originalzustand versetzen.



Im umfassenden und vielfältigen Werk Plecniks gilt sein Entwurf der Villa für den damaligen Hygieneprofessor Roland Graßberger als Schlüsselwerk des "Neuklassizismus", der später im Loos-Haus oder den Hoffmannschen Bauten seine Höhepunkte fand. Mit diesem Idealbild des "Palladianismus" näherte sich Plecnik damit stilistisch an die ersten Villen seines Lehrmeisters Wagner in Hütteldorf aus dem Jahr 1886 an.


Die Raumproportionen zeigen aber auch die intensive Auseinandersetzung mit den modernsten Tendenzen der Zeit und nicht zuletzt mit den Bedürfnissen der Familie des Bauherrn: In jeder Etage eine großzügige Wohnhalle längs des Stiegenhauses, von der jeweils drei gleich große Zimmer abgehen. Treppenpodeste mit zoomorphen Kandelabern und im ganzen Haus verteilte Waschbecken, teils aus rötlichem Marmor, sollten gleichsam auf den Wohlstand, wie auch auf die Tätigkeit des Stadthygienikers hinweisen.

Bewegte Geschichte

Das 1908/09 errichtete, zweigeschossige Gebäude mit rund 760 Quadratmetern Wohnfläche ging nach dem Tod des Erbauers erstmals 1958 ins Eigentum des Evangelischen Waisenversorgungsvereines, der es zum Jugendheim umbaute und ein Dachgeschoss samt schrägem Walmdach aufsetzte.

1980 erfolgte unter dem neuen Eigentümer Caritas ein weiterer, gartenseitiger Um- und Zubau, was dem Haus eine Gesamtnutzfläche von 1.100 Quadratmeter bescherte. 1997 schließlich wäre das bis dahin nicht denkmalgeschützte und stark verwahrloste Gebäude um ein Haar Grundstücksspekulationen zum Opfer gefallen. Buchstäblich in letzter Minute verhinderte das Bundesdenkmalamt den bereits eingeleiteten Abbruch. Es fand sich schließlich ein privater Mäzen, der das Haus erwarb und einer Rückführung in den Originalzustand zustimmte.

Mühsamer Rückbau

Der damit betraute Wiener Architekt Hans-Peter Mikolasch sah sich vor einer in Wien ebenso seltenen wie gewaltigen Aufgabe stehen: "Zuerst alles abreißen, was ab 1958 dran- oder draufgestückelt worden war und danach den Rest von Grund auf sanieren, denn der Eigentümer wollte darin selbst wohnen", beschreibt Mikolasch die Vorgaben. Die Probleme erwiesen sich als vielschichtig: Abgesehen von den Um- und Zubauten waren nicht nur die Fassade, sondern auch Fenster und Türen mehrfach überputzt, -malt oder unpassend ersetzt worden, die meisten Originalbeschläge fehlten, Feuchtigkeit und Rost hatten an Kacheln, Böden und Terrassen ein übriges getan.

Suche nach Relikten

Auf der Suche nach alten Vorlagen zwecks Rückgestaltung erhielt Mikolasch dabei unerwartete Hilfe: Enkel des Erbauers stellten historische Aufnahmen zur Verfügung, im Caritas-Lager fanden sich noch einige abmontierte Originalbeschläge wieder. Nachdem auch der Wiener Altstadterhaltungsfonds eine Förderung von fast 400.000 Euro in Aussicht gestellt hatte, konnten die Arbeiten im Frühjahr 2004 beginnen.

"Plecnik war ein Pionier bei der Verwendung neuer Bauelemente wie Stahlbeton, setzte unübliche Akzente wie das Flachdach oder installierte bereits 1908 eine Zentralheizung", weiß Mikolasch. Wie bei vielen Pionierleistungen stellten sich aber rasch "Kinderkrankheiten ein: Fehlende Wärme- und Feuchtigkeitsdämmung machten Souterrain, Dach und Terrassen zu Dauer-Problemkindern.

Im Team mit den Wiener Unternehmern Franz Huma (Bau) und Peter Baumgartner (Tischlerei) wurde nach Abbruch der Zubauten und des Daches außen abgegraben, neu isoliert, "falsche" Fenster maßgeschneidert ersetzt, Türen nachgezimmert oder von vielen Farbschichten befreit, Parkettböden verlegt, Fassaden-Details modelliert und zuletzt mit Kalk verputzt. In die Mauer verlegte Heizungsrohre garantieren nun, dass es innen trocken bleibt.

Allein der Verzicht auf 440 Quadratmeter Wohnfläche durch die Abbrüche kostete den Bauherren in dieser Lage umgerechnet rund 450.000 Euro an Liegenschafts-Wert. "Die Arbeiten werden im heurigen Sommer fertig und können 2007, zum 50. Todestag Plecniks, der Welt ein anschauliches Zeugnis seines Werkes präsentieren", versichert Mikolasch. Denkmäler haben eben ihren Preis.

Literatur: Damjan Prelovsek, Josef Plecnik 1872-1957 Architectura Perennis, Residenz-Verlag 1992.

Anfragen: 01/40 00/84 796

http://www.wien.gv.at/ma07/alt-erh.htm .

w.grotte@wienerzeitung.at



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-04-21 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-21 15:46:00

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