• vom 23.04.2010, 18:14 Uhr

Stadtleben


"Der Mexikoplatz, da kannst ja nicht hingehen", hieß es früher - heute wirkt er ruhig

Ein fast vergessener Platz




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Von Nina Flori

  • In den 80er Jahren entstand der Handel am Mexikoplatz.
  • Heute erinnern verlassene Läden an den früheren Trubel.
  • Wien. Hätte man vor ein paar Jahren ein Brainstorming zum Begriff "Schwarzmarkt" gemacht, wäre der Mexikoplatz in der Leopoldstadt wohl vielen Wienern rasch eingefallen. War er es doch, der in den 80er und 90er Jahren in Wien zur Umschlagstelle für Elektrogeräte, Bekleidung und Waren aller Art avancierte. Seither sind ein paar Jahre ins Land gezogen. Was kann man heute noch schwarz am Mexikoplatz kaufen? Die "Wiener Zeitung" wollte es wissen und begab sich auf einen Lokalaugenschein.

Mexikoplatz: Keine Auffälligkeiten laut Polizei. Foto: flor

Mexikoplatz: Keine Auffälligkeiten laut Polizei. Foto: flor Mexikoplatz: Keine Auffälligkeiten laut Polizei. Foto: flor

"Da gehen immer so schwarz gekleidete Typen mit Hüten herum. Die verkaufen alles Mögliche", sagt ein 18-jähriger Mechanikerlehrling, auf den Schwarzmarkt-Verkauf angesprochen. Die Werkstatt, in der er arbeitet, ist ganz in der Nähe. Seine Mittagspause verbringt er gerne im Park. Ein kurzes Umherblicken im nur wenig bevölkerten Park lässt erahnen, von welchen Männern der Mechaniker-Lehrling spricht.

"Was willst du, was brauchst du?", fragt der Mann ohne Umschweife, mit gesenkter Stimme. Er ist etwa fünfzig Jahre alt, sein Deutsch ist gebrochen, aber gut verständlich. "Eine Stange Zigaretten kostet 22 Euro. Wie viele willst du?", fragt er. Nur eine Sorte gebe es zum Verkauf. Eine Kostprobe bietet er gleich an. Auch billigen Alkohol hat er im Angebot. Eine Flasche Stolichnaya Wodka gibt es - einige Euro günstiger als im legalen Handel - für zehn Euro. Der Platz ist in Ruhe getaucht, Vögel zwitschern, nur wenige Menschen sind in Sichtweite. "Warte hier", sagt der Mann und eilt, sich nervös umsehend, davon. Einige Meter weiter trifft er auf einen anderen Mann. Nach einem kurzen Gespräch verschwinden beide in einem Hauseingang zwischen heruntergekommenen Geschäften.


Zigaretten und Viagra

"Früher war ja alles voll von denen", erzählt ein 70-jähriger, auf einer Parkbank sitzender Mann. "Da sind sie mit riesigen Paletten dagestanden, mit Fernsehern und allen anderen Elektrogeräten. Das war ein richtiger Straßenverkauf." Vor ein paar Jahren hätte man nicht ruhig im Park sitzen können. Ständig sei jemand gekommen und hätte einem etwas angeboten. "Irgendetwas wollten sie einem immer andrehen - Zigaretten oder Viagra", erzählt der Mann und blickt sich nervös um. "Aber jetzt haben sie aufgeräumt."

"Zur Zeit sind uns vom Mexikoplatz keine Auffälligkeiten bekannt. Es liegen auch keine Beschwerden von Bürgern - oder jedenfalls nicht mehr, als auch anderswo - vor", sagt auch Polizeisprecher Mario Hejl zur "Wiener Zeitung". Zuletzt war der Platz vergangen März im Zuge der "Operation Java" in den Medien. Er soll eine zentrale Rolle beim Verkauf der Einbrecher-Beute gespielt haben.

Mit Journalisten redet man am Mexikoplatz nicht so gerne. "Wir haben eh schon genug mitgemacht hier", sagt eine ältere Dame, die schon mehr als sechzig Jahre in der Umgebung wohnt. Sie kommt oft in den Park rund um die Franz-von-Assisi-Kirche. "Es ist ja sehr schön hier. Und wir haben die Donau gleich in der Nähe", meint sie mit umherschweifendem Blick. "Die Leut’ hat der Mexikoplatz ja schon immer interessiert. Deshalb sind immer so viele gekommen - auch vom Fernsehen." Aber so oft sei alles falsch verstanden worden. Und dann habe es immer geheißen: "Der Mexikoplatz - da kannst ja nicht hingehen." Es sei "traurig, wenn man das immer wieder mitkriegt", sagt sie mit müdem Blick. "Aber ich hab’ immer zum Platz gehalten. Da komm’ ich her, und zu dem steh’ ich", fügt sie energisch hinzu.

Wirklich turbulent zugegangen sei es hier vor allem zu Zeiten der Wende. "Da sind die ganzen Polen gekommen, die hier Handel treiben wollten. Die Österreicher haben über sie geschimpft, sich aufgeregt über das Gesindel. Dabei sind sie alle einkaufen gekommen - sogar aus den Bundesländern." Den Anrainern war das Gedränge zuviel. Die Gründung eines Komitees sollte helfen, am Platz wieder Ruhe einkehren zu lassen. "Der Schwarzmarkt-Flohmarkt ist dann in die Freudenau verlegt worden. Und die Geschäfte mit den Waren aller Art sind in die Länder übersiedelt, in die man früher nicht konnte", erzählt die Dame. "Aber eigentlich mag ich über diese Zeit gar nicht mehr reden. Das ist alles vorbei", fügt sie hinzu.

Verstaubte Auslagen

Es sind Spielhallen, Handy-Shops und Elektrogeschäfte, die sich am Mexikoplatzes aneinanderreihen. Oft sind die Gitter heruntergelassen, die Auslagen verstaubt. "Hier sperrt schon länger alles zu", erzählt die ältere Dame weiter. "Aber es schaut in anderen Geschäftsstraßen ja auch nicht besser aus. Das ist halt die schlechte Wirtschaftslage." Viele Häuser würden aber gerade renoviert und mit teuren Dachwohnungen ausgestattet. "Vielleicht ziehen dann auch bessere Leute hierher und es wird wieder belebter", meint sie hoffnungsvoll. "Denn was gibt es Schöneres als einen belebten Platz?"



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2010-04-23 18:14:09
Letzte Änderung am 2010-04-23 18:14:00


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