• vom 23.04.2010, 18:14 Uhr

Stadtleben

Update: 26.04.2010, 13:06 Uhr

Bröckelnde Mauern, zugenagelte Fenster, überquellende Mistkübel: Traurige Zeiten für beliebtes Ausflugsziel

Ein Nationaldenkmal im Verfall




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Von Christian Mayr

  • Der Leopoldsberg verwahrlost, Burg und Kirche sind gesperrt.
  • Aus für Hotelbau, die Gastronomie-Pläne verzögern sich.
  • Wien. Die wenigen Wanderer, die sich noch auf den Leopoldsberg verirren, befällt eine Mischung aus Staunen und Entsetzen. Seit spätestens 2007, als der Gastronomiebetrieb abgezogen ist, verfällt das Wiener, wenn nicht gar österreichische Nationaldenkmal zusehends. Derzeit ist weder die seit dem Mittelalter bestehende Burg, noch die Leopoldskapelle öffentlich zugänglich - fest verriegelt stellt sich einem das schwere Burgtor in den Weg. Nur wer aufmerksam nach einem Grund der Sperre sucht, wird auf einer winzigen gelben Tafel am Parkplatz fündig: "Auf Grund von Renovierungsarbeiten ist die Burg geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis."

Leopoldsberg anno 2010. Der Zugang zur neugotischen Loggia ist verbarrikadiert, die Mauer bröckelt. Foto: Pessenlehner

Leopoldsberg anno 2010. Der Zugang zur neugotischen Loggia ist verbarrikadiert, die Mauer bröckelt. Foto: Pessenlehner

Vergilbte Kirchtafel und Müll an der Aussichtsterrasse.

Vergilbte Kirchtafel und Müll an der Aussichtsterrasse. Vergilbte Kirchtafel und Müll an der Aussichtsterrasse.

Allein, Bauarbeiter sucht man auf der Anlage mit herrlichem Rundumblick auf Wien wie auf Klosterneuburg vergeblich. Zumindest an diesem Freitagvormittag wird gewiss nichts renoviert. Jene Arbeiter, die die gröbsten Sicherheitsmängel behoben haben, scheinen schon wieder abgezogen. Seither sind die eingeschlagenen Fenster ebenso mit dicken Pressspanplatten zugenagelt wie der hintere Eingang zum früheren Gastgarten. Dort baumeln noch die Neonröhren zwischen den alten Bäumen, immer wieder vom scharfen Wind, der durch die Wiener Pforte pfeift, angestoßen. Geleuchtet haben sie schon lange nicht mehr.

2010 sollte der Umbau eigentlich fertig sein


Ein rot-weißes Absperrband ziert den Weg an der Nordseite der Burg, wo der Putz bedrohlich bröckelt. Ein paar Meter weiter liegen lose Ziegel der Jahrhunderte alten Mauer herum. Der stählerne Mistkübel beim Aussichtsplateau quillt schon lange über - obenauf eine leere Sektflasche, die möglicherweise schon zu Silvester geköpft wurde.

Zum Feiern gibt es am Leopoldsberg aber noch lange nichts. Eigentlich sollte auf dem historischen Boden noch heuer ein neues Projekt fertig gestellt sein - ein "Klosterhotel", wie es der Investor Alexander Serda vor zwei Jahren in der "Wiener Zeitung" ankündigte. Das Hotel soll mittlerweile ad acta gelegt sein, stattdessen wird mit der Idee einer Spitzengastronomie am Leopoldsberg kokettiert. "Kein Hotel mehr, nur noch Gastronomie - das hat mir Serda vor etwa 14 Tagen mitgeteilt. Er will es einfach im alten Stil sanieren und nichts Neues dazubauen. Also ohne moderne Glasfenster wie am Kahlenberg", berichtet Döblings Bezirksvorsteher Adi Tiller. Näheres wisse der Bezirk aber auch noch nicht - denn offizielle Pläne gebe es nicht. "Es hat geheißen, dass in spätestens eineinhalb Monaten dann ein Plan vorliegt." Wenigstens ist Tiller froh, dass nun die zuvor noch schlimmeren Verunreinigungen beseitigt und Sicherungsmaßnahmen gesetzt worden seien.

Grundbesitzer ist das Stift Klosterneuburg, das ein 100-jähriges Baurecht an den Investor Serda abgetreten hat. Also fühlt sich das Stift für den verwahrlosten Zustand der Anlage nicht verantwortlich: "Wir haben das vergeben. Streng genommen dürfen wir jetzt nicht mehr hinein", erklärt Sprecher Peter Schubert. Zum Faktum, dass damit derzeit auch die Kirche nicht mehr zugänglich ist, wird auf die zuständige Pfarre Nussdorf verwiesen. Immerhin war trotz Sperre bis vor kurzem zumindest sonntagnachmittags der Zutritt möglich; regelmäßige Messen gab es schon lange nicht mehr, wie auch die vergilbte blaue Tafel beweist (Foto unten). Keine Antworten sind von den Zuständigen zu bekommen: Nicht von Serda zum Stand seines Projekts, nicht von der Erzdiözese Wien zur Kirchen-Sperre.

Glaubt man dem Denkmalamt, dürfte es noch länger dauern, bis der Leopoldsberg neu ersteht. Denn laut Landeskonservator Friedrich Dahm habe es noch nicht einmal informelle Vorgespräche gegeben. "Dort ist aber alles unter Denkmalschutz." Immerhin gehe die Burg auf Mitte des 13. Jahrhunderts zurück, danach sei immer wieder dazugebaut worden. "Es ist jedenfalls ein sehr, sehr hochwertiges geschichtliches Zeugnis. Noch aber gibt es keine fundierte archäologische Aufnahme. Wenn es jetzt zu einer Neunutzung und Umbauten kommt, muss das vorab geliefert werden", sagt Dahm.

Und nie zu vergessen sei die Rolle des Leopoldsbergs in der österreichischen Historie: "Jeder lernt in der Schule, dass von dort das Entsatzheer gestartet ist, um Wien von den Türken zu befreien." Ein Stück lebendige Geschichte also.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-04-23 18:14:00
Letzte Änderung am 2010-04-26 13:06:00

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