• vom 09.04.2010, 20:41 Uhr

Stadtleben

Update: 27.03.2017, 21:22 Uhr

Leopold Hawelka

Ein 99-Jähriger im Hawelka




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Von Christoph Irrgeher

  • Leopold Hawelka feiert 99. Geburtstag, in seinem Kaffeehaus ist er dennoch weiterhin aktiv
  • Café-Tradition in dritter Generation.
  • Eine Institution als Ort für Freidenker.
  • Reliquienschrein und Balsam für die Wiener Seele.
  • Wien. "Vorsicht! Vorsicht!", skandiert der Ober. Die Kellner eilen. Die Touristenschwärme wimmeln. Nur die Uhr an der Wand - die steht absolut still. Was anderswo Grund für eine Neuanschaffung wäre, hat im Café Hawelka, zwischen honorigen Thonet-Stühlen, speckigen Sofas und nikotingeräucherten Wänden, schon symbolische Bedeutung. Denn mit Neuerungen hatte man hier nie viel am Hut.

"Der Kaffee wär’ ned besser, wenn das Lokal moderner wär’", weigert sich Leopold Hawelka seit jeher. Und ist stolz darauf. Freilich, Konzessionen an die Zeit muss auch er machen: Seit Sonntag ist der Kaffeehausgründer 99 - lenkt seine Schritte aber immer noch jeden Tag beharrlich in die Dorotheergasse 6. In der mittlerweile schon die dritte Hawelka-Generation arbeitet.

Dieses Beharrungsvermögen ist auch die Basis für den Kult um jenes Cafés, das die Eheleute Leopold und Josefine Hawelka im Mai 1939 eröffneten. Auch wenn heute nebenan ein schickes "Caffè" mit großen Lettern lockt: Das Hawelka, diese Trutzburg einer Welt von Gestern, verzeichnet ungebrochenen Zustrom.


Schimpfwort "Tourist"

Kunststück - es steht ja auch in fast jedem Touristenführer. Rund 50 Prozent der Gäste sind Wien-Besucher, schätzt Michael, der Jüngste im familiären Café-Clan. Wobei der 28-Jährige als Fortführer einer Wiener Institution sensibel auf das Wort "Touristen" reagiert. "Das ist schon ein Schimpfwort. Wir sagen lieber internationale Gäste." Und Michael ist stolz, mit ihnen zum internationalen Flair der Innenstadt beizutragen.

Das Traditionsbewusstsein des Gründer-Ehepaars war es wohl letztlich auch, was dem Café seine künstlerische Aura bescherte. Auch wenn Künstler gemeinhin zur Innovation neigen - die Literaten der Donaumetropole hatten spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts eine feste Tradition - nämlich im Kaffeehaus zu sinnieren, dozieren und diskutieren. So fanden sie sich auch bei dem Ehepaar ein, das 1936 schon das Café Alt Wien gegründet hatte. "Wo sitzt man nach Mitternacht?", soll Friedrich Torberg gefragt haben, als er nach Kriegsende aus dem US-Exil zurückkehrte. Folgt man Sonja Mosers Buch "Das Hawelka", riet Schriftstellerkollege Hans Weigel zum Innenstadtcafé beim Graben.

Bohemien-Brutstätte

Es mag eine Ironie der Geschichte sein, dass in diesem Traditionscafé auch die wüsten Bilderstürmer werkten: Hier tagten die Mitglieder des "Art-Club" von Albert Paris Gütersloh, hier feilten Mitglieder der "Wiener Gruppe" wie H.C. Artmann und Konrad Bayer an Sprachexperimenten, hier hielten die "Phantastischen Realisten" Einzug. Denen hat Leopold Hawelka auch so manches Bild abgekauft - und mit seiner 2005 verstorbenen Frau dafür gesorgt, dass für die Künstler Schreibgeräte, sogar Lexika zur Verfügung standen.

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Schlagwörter

Leopold Hawelka, Kaffeehaus

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-04-09 20:41:00
Letzte Änderung am 2017-03-27 21:22:25

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