• vom 29.11.2005, 12:25 Uhr

Stadtleben

Update: 14.09.2014, 00:39 Uhr

Wiener Museumsstücke

Therapie mit Hauben & Hühnern




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Die kürzlich eröffnete Sonderausstellung des Österreichischen Museums für Volkskunde thematisiert im Rahmen eines spannenden Kulturvergleichs Kindheit in China und Europa. Ein interessantes Objekt, das auch im Ausstellungstitel angesprochen wird, ist die sogenannte Fraisenhaube.

Fraisenhaube im Volkskundemuseum, Leinen, 19. Jahrhundert.

Fraisenhaube im Volkskundemuseum, Leinen, 19. Jahrhundert.© Österreichisches Museum für Volkskunde Fraisenhaube im Volkskundemuseum, Leinen, 19. Jahrhundert.© Österreichisches Museum für Volkskunde

Die "Fraisen" (Kinderkrampf, "Eclampsia infantium" ) zählten früher einmal zu den gefürchteten Kinderkrankheiten. Die vorwiegend konvulsivischen Erscheinungen bei Kindern führte man in der Frühen Neuzeit auf heftige Gemütsbewegungen wie Schreck, Furcht und Kummer zurück, welche die Mutter während der Schwangerschaft erlitten hatte. In diesem Zusammenhang verweisen Sprachforscher darauf, dass sich der Ausdruck "Fraisen" vom mittelhochdeutschen Wort "vreise" herleitet, was so viel wie Wut, Schrecken oder Angst bedeutet.

Information

Tigermütze – Fraisenhaube.
Kinderwelten in China und Europa

Österreichisches Museum für Volkskunde
1080 Wien, Laudongasse 15–19

Geöffnet: Di bis So 10–17 Uhr
bis 5. März 2006
Info: Tel. 01/406 89 05


Weil gegen die Fraisen anno dazumal nur unzulängliche medizinische Mittel zur Verfügung standen, versuchte man die Erkrankung bereits im Wege der Prophylaxe abzuwenden. Aus diesem Grund wurde schon der Gebärenden eine Fraisenhaube aufgesetzt. Vermittels der auf der Haube aufgemalten religiösen Sujets sollte dem Baby die Krankheit bereits bei der Geburt vom Hals geschafft werden. Sofern das Kind aber dennoch erkrankte, setzte man auch ihm ein Fraisenhäubchen auf. Beliebte Motive solcher Kopfbedeckungen waren vor allem Muttergottesbilder sowie Darstellungen des heiligen Valentin, der als Patron der Fallsüchtigen (Epileptiker) auch für die Fraisen zuständig war.

Daneben gab es in vorindustrieller Zeit eine Vielzahl (aus heutiger Sicht kurioser) Heil- und Präventivmittel gegen Fraisen. Beispielsweise soll das Auflegen lebendig auseinander gerissener, blutig-warmer Hühner und Tauben auf den Kopf oder Körper der Patienten sehr genützt haben. Eine angeblich probate Methode zur Verhütung der Fraisen bestand darin, einer Aalraupe – das ist ein Süßwasserfisch mit froschähnlichem Schädel – lebendig den Kopf abzubeißen, diesen zu dörren und sodann in pulverisierter Form dem Kindlein noch vor der Taufe einzugeben. Ein in ähnlicher Weise gewonnener Mäusekopf kam hingegen lediglich als Amulett zur Anwendung. Zudem gab es – neben der Fraisenhaube – noch viele weitere religiöse Mittel, die in Mariazell sowie an anderen Orten feilgeboten wurden.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2005-11-29 12:25:59
Letzte Änderung am 2014-09-14 00:39:45

Vor Gericht

"Ich dachte, dass ich sterben muss"

So sauber und korrekt wie hier soll es bei den Operationen des Angeklagten nicht zugegangen sein: Er soll teils in Straßenkleidung, ohne Mundschutz und Handschuhe operiert haben. - © apa/Roland Schlager Wien. Auch heute noch ist Frau T. von dem Eingriff traumatisiert. Sie beginnt zu weinen, als sie davon erzählt. Erst nachdem ihr ein Wasser gereicht... weiter




Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Sonja Klima wird neue Chefin der Spanischen Hofreitschule
  2. Ein Wiener Baumtempel wie aus dem Märchenbuch
  3. Kräne in Wien umgestürzt
  4. Vorbereitung auf Wachstumseinbruch
  5. Immer mehr Frauen als Mordopfer
Meistkommentiert
  1. Wiens Pläne laut Juristen unzulässig
  2. Ludwig kontert Kritik von Kurz und Strache
  3. "Ab 2021 sind E-Autos massentauglich"
  4. Keine Toleranz beim Thema Gewalt
  5. Essverbot ab 15. Jänner in allen U-Bahnen

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung