Es ist kurz vor 19 Uhr und im Haus der Begegnung in der Angererstraße herrscht nervöse Unruhe. Bis auf den letzten Platz ist die Halle mit der 70er-Jahre Holztäfelung besetzt. In den Gängen und auf der Galerie drängen sich die Leute. Als der Moderator zur Begrüßung ansetzt, schreit ihn gleich einmal jemand aus der siebenten Reihe an: "Wer san Sie überhaupt?"

Auf dem Podium sitzen Vertreter vom Fonds Soziales Wien und vom Samariterbund 800 aufgebrachten Floridsdorfern gegenüber. Im Publikum auch Veronika Tomacek, Obfrau des Kleingartenvereins "Semmelweiß", der an das Flüchtlingsheim grenzt: "Wir haben Angst, und diese Angst kann uns keiner nehmen," spricht sie ins Mikrofon. Angst beim nächtlichen Weg durch die schlecht beleuchtete Siedlung. Angst vor einem Ansteigen der Kriminalität. Angst, dass man sich in den Gärten nicht mehr so gut erholen wird können. Angst, dass die Grundstücke an Wert verlieren. "Warum wird das über unsere Köpfe hinweg entschieden, warum hat uns niemand gefragt?"

Weil es sich um Notunterkünfte handelt, die man innerhalb eines Monats bereit stellen musste, versucht FSW-Chef Peter Hacker zu beschwichtigen. Man könne die Angst nicht wegargumentieren, das sei ihm klar: "Wir können aber Informationen geben und Dinge verbessern." Hacker kündigte ein Maßnahmenpaket an. So soll die Gegend eine bessere Straßenbeleuchtung erhalten, die Asylwerber werden rund um die Uhr betreut, Polizeistreifen sollen das Sicherheitsgefühl erhöhen. Es werde Tage der offenen Tür geben und einen regelmäßigen runden Tisch mit Anrainer-Vertretern, um allfällige Probleme zu beseitigen. Hackers Ausführungen besänftigen die Zuhörer nicht. Höhnische Lacher erntet auch der Leiter des Polizeikommissariats Floridsdorf, Christoph Hetzmannseder, als er darauf verweist, dass es beim Flüchtlingsheim in der Floridsdorfer Donaufelderstraße, wo knapp 150 Menschen untergebracht sind, in drei Jahren "keine nennenswerten Einsätze und Probleme" gegeben habe. Die Stimmung im Saal ist aufgeheizt. Obfrau Tomacek: "Es sind heute sehr viele hier, die nicht ihre Sorgen zum Ausdruck bringen, sondern randalieren wollen."

Und randaliert wird genug. Mehrmals steht die Diskussion vor dem Abbruch. Einer stürmt heraus und will dem Moderator das Mikrofon entreißen, minutenlang wird "nein, nein, nein" skandiert. Die Menge buht und stampft. Dem Präsidenten des Arbeitersamariterbundes Siegfried Sellitsch platzt irgendwann der Kragen - als er von Sprechchören unterbrochen wird, bricht es aus ihm hervor: "Haltet's jetzt einmal die Gosch'n." Er entschuldigt sich später für seine Äußerung. Was da mitunter ventiliert wird, gibt Anstoß zum Nachdenken über so manche Wiener Seele: "Ich bin aus dem 16. Bezirk in den 20. Bezirk gezogen, weil mir in Ottakring zu viele ,Kulturen' waren", erzählt einer, "dann bin ich aus dem 20. weg - auch dort waren mir zu viele ,Kulturen'." Auf einmal schreit er im Stil eines Brandredners: "Jetzt bin ich in Floridsdorf und es kommen die Tschetschenen!" Kurz kehrt Ruhe ein, als eine Tschetschenin ans Podium gebeten wird, um zu erzählen, warum sie nach Österreich gekommen ist. Ihr Mann wurde aus politischen Gründen ermordet. Bald wieder Zwischenrufe: "Was geht uns das an?"

In Wien werden derzeit rund 9.500 Asylwerber und hilfsbedürftige Fremde betreut, davon rund 3.500 in Heimen und 6.000 in Privatwohnungen. Die Verteilung auf die Bezirke ist höchst unterschiedlich. So sind etwa allein im 9. Bezirk derzeit 340 Asylwerber in Heimen untergebracht. Auch in Floridsdorf werden es mit dem neuen Quartier rund 300 sein. Zum Vergleich: Floridsdorf hat 128.228 Einwohner, am Alsergrund sind es 37.816. Im 1., 19. und 22. Bezirk sind keine Flüchtlinge untergebracht.