• vom 26.10.2010, 17:06 Uhr

Stadtleben

Update: 26.10.2010, 17:08 Uhr

Neue Verordnung, falsche Bekämpfung und wachsende Wegwerfgesellschaft: Wiener Rattenbestand explodiert

Ratten erobern Schlaraffenland Wien




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Von Petra Tempfer

  • Mehr Nager als Menschen in Wien seit Verordnung 2005.
  • Resistenzen gegen Rattengift drohen.
  • Überträger von Tuberkulose, Typhus und Salmonellen.
  • Wien. Zumeist sind es nur Spuren, die man von Ratten findet und die deren Anwesenheit verraten. Angeknabbertes Brot, löchrige Vorratssäcke und kleine Fußtritte im ausgeronnenen Mehl. Diese Spuren werden allerdings laufend mehr.

Oft findet man nur die Spuren, die Ratten nach ihren nächtlichen Fressattacken hinterlassen. Foto: dpa/Wolfgang Thieme

Oft findet man nur die Spuren, die Ratten nach ihren nächtlichen Fressattacken hinterlassen. Foto: dpa/Wolfgang Thieme Oft findet man nur die Spuren, die Ratten nach ihren nächtlichen Fressattacken hinterlassen. Foto: dpa/Wolfgang Thieme

"Durch die wachsende Wegwerfgesellschaft gepaart mit der neuen Rattenverordnung sind die Schädlinge zu einem massiven Problem geworden", warnt Shirin Safer, Geschäftsführerin der Wiener Schädlingsbekämpfungsfirma "Nebily".

Weit mehr Wanderratten als Menschen leben laut Safer bereits in Wien - früher schätzte man, dass auf jeden Bewohner etwa eine Ratte kam. Bis zur Einführung der neuen Rattenverordnung 2005 sei der Rattenbestand konstant gewesen: Im Gegensatz zu früher, als ein einziger Schädlingsbekämpfer für ein ganzes Gebiet verantwortlich war, obliegt es nun dem Hausbesitzer, sein Rattenproblem zu bekämpfen.


"Wenn die Experten damals im Keller einen Nager entdeckten, legten sie beim Nachbarn auch gleich Köder aus. Das fällt jetzt weg", berichtet Safer. Denn wenn Ratten kommen, dann im Rudel - jedes Pärchen zeugt bis zu 1000 Junge im Jahr. Dadurch hat die aus Zentralasien und Nordchina stammende Wanderratte die heimische Hausratte schon fast zur Gänze verdrängt.

Illegale private Jagd

Tauchen die Schädlinge auf, dann knabbern sie nicht nur an den Vorräten, sondern auch am Budget. Sobald ein Kammerjäger das Haus betritt, muss man mit Kosten von 180 Euro aufwärts rechnen - ein Kilogramm Rattenköder ist im Baumarkt um rund 20 Euro erhältlich.

Die Rattenbekämpfung in Selbstregie ist laut Verordnung zwar verboten - "viele sind aber nicht bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen und legen mindergiftige Köder vom Baumarkt aus", so der Schädlingsbekämpfer Michael Singer, "wodurch Resistenzen gegen das Rattengift drohen. Dann können wir wieder Fallen aufstellen oder die Ratten erschlagen."

Der selbst gekaufte Köder werde nämlich oft viel zu sparsam ausgelegt, wodurch sich die Ratten langsam an die kleinen Dosen Gift gewöhnen könnten. "Und die Hausbesitzer freuen sich noch, dass sie jetzt die Ratten getötet haben, wenn der Köder weg ist. In Wahrheit ist der Bestand erst dann ausgerottet, wenn der letzte Köder liegen bleibt", so Singer. Rattengift enthält den chemischen Stoff Cumarin, der die Blutgerinnung vermindert.

Im Kanal und in Parks

In den Häusern des innerstädtischen Bereichs führt die Stadt Wien sechs Mal pro Jahr eine Rattenkontrolle durch, im Randgebiet vier Mal jährlich. Laut dem Wiener Tierschutzombudsmann Hermann Gsandtner beschränken sich die Ratten außerhalb der Keller nicht mehr auf das Kanalsystem, sondern kommen ebenso häufig in Parks vor.

"Am liebsten haben sie Grünanlagen mit Bodendeckerpflanzen, unter denen sie in Höhlen leben", so Gsandtner. An den Pflanzen und Hausmauern laufen sie in der Dämmerung und auch tagsüber entlang, um sich etwa beim nächstgelegenen Mistkübel den Bauch vollzuschlagen. Hinterhöfe von Supermärkten sind ebenfalls beliebt. "Wir züchten uns die Ratten heran, indem wir Lebensmittel einfach wegschmeißen oder fallen lassen", betont der Tierschutzombudsmann.

Laut Felicitas Schneider von der Universität für Bodenkultur besteht der Wiener Müll zu zwölf Prozent aus genießbaren Lebensmitteln, wie eine Studie ergab. Vor zwei Jahren waren es noch zehn Prozent.

Dass eine Ratte auf dem Weg zum Müll etwa ein Kind in der Sandkiste beißt, ist laut Gsandtner jedoch unwahrscheinlich. Falls sich ein Tier in die Enge getrieben fühlt, könne es allerdings schon aggressiv reagieren. Fakt ist, dass die Wanderratte Krankheiten wie Tuberkulose, Typhus, Salmonellen und Hepatitis übertragen kann. Die Erreger sind auch in den Exkrementen vorhanden.

Um dem Rattenproblem Herr zu werden, genügt jedoch nicht Gift allein. "Mindestens genauso wichtig ist, die Keller und das Kanalsystem dicht zu machen, damit die Ratten weder hinein- noch hinauskönnen", betont Gsandtner. Laut Schädlingsbekämpfer Singer genügt Ratten ein Loch so groß wie ein Daumen, um hindurchzuschlüpfen. Eine Holztür sei nach etwa zwei Wochen durchgenagt.

Kakerlaken statt Ratten

Trotz allem gilt Wien im weltweiten Vergleich als rattenarm. Werden doch in den meisten Großstädten vier Ratten pro Kopf gezählt, in New York sogar sieben. Hier werden jährlich rund 60 Rattenbisse gemeldet. Als einziger Stadt ist es Budapest in den 1970er Jahren gelungen, rattenfrei zu werden - mit dem Ergebnis, dass sich unmittelbar danach die Kakerlaken maßlos ausbreiteten. Diese sind bereits jetzt gegen zahlreiche Bekämpfungsmittel resistent.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-10-26 17:06:01
Letzte Änderung am 2010-10-26 17:08:00

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