• vom 04.10.2011, 18:10 Uhr

Stadtleben


Recycling

Die Stadt als Lagerstätte




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Von Petra Tempfer

  • Rohstoffe wiederverwerten, ehe sie zu Abfall werden: "Urban Mining" als neuer Trend
  • Wegen des Rohstoffmangels soll nun die Stadt ausgeschlachtet werden.

Beim Abbruch des Südbahnhofs wurden 90 Prozent des Materials wiederverwertet. - © APA/ROLAND SCHLAGER

Beim Abbruch des Südbahnhofs wurden 90 Prozent des Materials wiederverwertet. © APA/ROLAND SCHLAGER

Wien. Kunststoffe, Stahl und Kupfer: Das sind einige der Schätze, die sich in den Häusern einer Stadt verbergen. Elektrogeräte halten Aluminium versteckt - und Handys Gold. Konkret schlummern rund 90 Prozent der aufbereiteten Rohstoffe in Bauwerken und der Rest auf Deponien. Aus dieser Tatsache hat sich ein neuer Trend entwickelt, bei dem Wertstoffe in Häusern, Konsumgütern und Infrastruktur erfasst werden sollen, um sie danach gezielt wiederzuverwerten. "Urban Mining" ist das Zauberwort, bei dem die Stadt als Lagerstätte dient. Motor ist der Mangel an Rohstoffen, der deren Preise explodieren lässt. Kupfer etwa ist seit 2004 um das Fünffache teurer geworden. Zudem schrumpft der Platz für Deponien.


Freilich, die Idee der Wiederverwertung ist alt. Bereits im Mittelalter schmolzen Krieger ihre Schwerter ein, und alte Ziegel wurden in neue Häuser eingebaut. Seit 20 Jahren ist in Österreich mit der Baurestmassenverordnung auch gesetzlich festgelegt, dass Abbruchmaterialien getrennt gesammelt werden müssen. Beim Abbruch des Südbahnhofs 2010 etwa wurden 90 Prozent des Materials wiederverwertet. Das Neue an "Urban Mining" ist, dass mit den aufbereiteten Sekundärrohstoffen systematisch umgegangen wird und auch Reststoffe wie etwa Stahl, die früher ausnahmslos auf Deponien landeten, wiederverwertet werden.

"Zudem soll das Bewusstsein gestärkt werden, von wie vielen Sekundärrohstoffen wir umgeben sind", sagt Brigitte Kranner, Geschäftsführerin von Altmetalle Kranner. Im August eröffnete die Firma den ersten Internet-Blog zu dem Thema. Kurz davor fand in Bremen in Deutschland ein "Urban-Mining"-Kongress statt.

Nahezu zeitgleich erschien das Buch "Urban Mining" des Wieners Leopold Lukschanderl, der die Stadt als "Bergwerk der Zukunft" sieht. In diesem werde sogar Energie gespart: Für die Rückgewinnung von Sekundäraluminium werden zum Beispiel nur fünf Prozent jener Energie eingesetzt, die für die Herstellung von Aluminium benötigt wird, ist zu lesen.

Häuser als Reststoffquellen
Und auch die Forschung ist schon auf das Thema aufgesprungen: Den wertvollsten Reststoffquellen, den Bauwerken, möchte sich ein achtköpfiges Team um Helmut Rechberger von der Technischen Universität Wien widmen. Falls deren Projekt genehmigt wird, sollen in Zusammenarbeit mit der Altstoff Recycling Austria AG Konzepte erarbeitet werden, wie man bereits beim Bau eines Gebäudes dessen Wiederverwertung einkalkuliert. Seit zwölf Jahren forschen auch Helmut und Jürgen Antrekowitsch an der Montanuniversität Leoben an dem Thema. Derzeit laufen mehrere Projekte, der Schwerpunkt "Urban Mining" soll nun intensiviert werden.

Dass irgendwann aufgrund des Rohstoffmangels alte Deponien geöffnet werden, um hier etwa nach Kupfer zu schürfen, glauben die Wissenschafter allerdings nicht. Die Trennung des Schrotts wäre zu teuer, der Ertrag zu gering. Handys stellen hingegen weit größere Schätze dar: In einer Tonne befinden sich 100 Gramm Gold. In einer Tonne Golderz nur zwei bis vier Gramm.

Blog: www.urbanmining.at

Buchtipp: "Urban Mining" von Leopold Lukschanderl, Verlag Holzhausen




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Dokument erstellt am 2011-10-04 18:17:07



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