• vom 30.05.2013, 17:11 Uhr

Stadtleben

Update: 31.05.2013, 13:56 Uhr

Fest

Unter Vollblutmeidlingern




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Von Solmaz Khorsand

  • Ein paar Lokalpatrioten erfinden den einstigen Problembezirk aus Sozialreportagen neu
  • Auf dem Meidlinger Platzl wird die Vielfalt des Bezirks gefeiert.

Ob Meidlinger Urgestein oder neue Schickeria: Meidling ist mehr als ein "Prolo-Bezirk". - © Philipp

Ob Meidlinger Urgestein oder neue Schickeria: Meidling ist mehr als ein "Prolo-Bezirk". © Philipp

Wien. Der 12. Bezirk hat die Aussprache-Hoheit über einen Buchstaben. Es kann kein Zufall sein, dass es sich dabei ausgerechnet um den 12. Buchstaben des Alphabets handelt: das L. Es bedarf Übung, um dieses Meidlinger L wie einen dicken Knödel aus dem Mund plumpsen zu lassen. Gepflegt wird diese L im Bezirk, gar an Orte platziert, an denen es nichts verloren hat. So heißt beispielsweise der Meidlinger Platz auch nicht nur Platz, sondern "Platzl".

Dass der 12. Bezirk mehr zu bieten hat als die phonetische Vorherrschaft über einen Buchstaben, will der Verein "space and place" nächste Woche beweisen. Im Rahmen der Initiative "Wien lebt - Vielfalt Stadt Einfalt" - eine Projektreihe, die den Fokus auf die Vielfalt der in Wien lebenden Menschen legt - soll Meidling am Freitag näher beleuchtet werden. Von 11.30 bis 21 Uhr wird am Meidlinger Platzl musiziert, gekocht, getanzt und ausgestellt.


Zu diesem Anlass hat sich der Fotograf Sebastian Philipp mit einer Porträtserie über die Einheimischen auf Entdeckungsreise begeben. Wie Darwin auf den Galapagos Inseln hat der gebürtige Ostberliner Meidling erforscht, "mit dem Grundvertrauen in die Menschen, dass es hier etwas geben muss", selbst in einem Bezirk, den er in den 90er Jahren noch als trist erlebt hat. Damals arbeitete er als pädagogischer Leiter in einem Jugendzentrum. "Ich dachte mir nur, das ist der Osten des Westens", erzählt der 44-Jährige. Mittlerweile ist er vom Bezirk fasziniert. Kundig führt er durch die Gassen, verweist auf die Gospelkirche in der Michael-Bernhardgasse, den Sikh-Tempel eine Straße weiter und den Eissalon in der Meidlinger Hauptstraße, der seit Generationen einer italienischen Familie gehört. Er, der die Bobo-Schickeria aus dem 6. Bezirk, seinem Wohnort, gewöhnt ist, tauchte für einige Wochen ein in einen Arbeiterbezirk, in der die Alten noch von ihrem "St. Meidling" sprechen, einem Dorf, in dem alle einander kennen; in dem junge Familien eine Oase im Schöpfwerk gefunden haben, jenem 5000-Seelengemeindebau aus dem Film "Muttertag", der in so vielen Sozialreportagen als Brennpunkt porträtiert wurde; und ein Bezirk, in dem man sich in den Beisln noch voller Ehrfurcht von den Meidlinger "Schmutzer Buam" erzählt, jenen Legenden der Wiener Unterwelt, die mit ihren Machenschaften Ende der 60er Jahre für viele Medienschlagzeilen sorgten.

Meidlinger Hierarchien
Meidling, das gefährliche Pflaster, an dieses Image erinnert sich
Karin Bergmayer noch gut. Oft haben ihre Schulfreundinnen aus dem 9. Bezirk die Augen verdreht, wenn die heute 52-Jährige von ihrer Herkunft erzählt hat. "Die trauten sich nicht hierher", erzählt sie und schmunzelt. In der Franz-Emerichgasse hat die Hutmacherin ihr Atelier. Auf 95 Quadratmetern präsentiert die Frau mit den roten Haaren und den dicken Fliegenpilzohrringen ihre Kollektion von ungewöhnlichen Hüten, Kappen und Kopftüchern.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-05-30 17:14:05
Letzte Änderung am 2013-05-31 13:56:42


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