• vom 24.06.2013, 19:01 Uhr

Stadtleben

Update: 29.07.2013, 12:10 Uhr

Interview

"Nicht erwartet, dass daraus eine Bewegung wird"




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Muslim Jewish Conference (MJC) tagt zum vierten Mal - dieses Jahr in Sarajevo
  • Gespräch mit dem Wiener Ilja Sichrovsky, dem Gründer der Muslim Jewish Conference.

Ilja Sichrovsky hat nicht damit gerechnet, dass aus der Muslim Jewish Conference eine internationale Bewegung wurde. - © Jenis

Ilja Sichrovsky hat nicht damit gerechnet, dass aus der Muslim Jewish Conference eine internationale Bewegung wurde. © Jenis

Wien. Zum vierten Mal treffen junge jüdische und muslimische Menschen aus aller Welt bei der Muslim Jewish Conference (MJC) aufeinander, die am 30. Juni in Sarajevo beginnt. Der Gründer der Bewegung, der Wiener Ilja Sichrovsky, über die Beweggründe und über die weiteren Ziele der Muslim Jewish Conference.

"Wiener Zeitung": Heuer findet die bereits vierte Muslim Jewish Conference statt. Mit welcher Motivation haben sie 2009 dieses Projekt gestartet?


Ilja Sichrovsky: Es gibt so viele Zusammenkünfte im Jahr, und wir dachten uns, diese fehlt. Wir haben nicht erwartet haben, dass daraus eine internationale Bewegung wird. Und auch den politischen Impact hätte ich so nicht erwartet, etwa die Unterstützung durch das American Jewish Committee (AJC) oder Bill Clinton.

Information

Ilja Sichrovsky, geb. 1982 in Berlin als Sohn des Autors und früheren FPÖ-Politikers Peter Sichrovsky. Ab dem vierten Lebensjahr in Wien, hier aufgewachsen, Matura, Wirtschaftsstudium kurz vor Abschluss. 2009 Gründung der Muslim Jewish Conference (MJC), heute deren Generalsekretär.

Die aktuelle Konferenz findet von 30. Juni bis 6. Juli in Sarajevo statt. Erwartet werden 100 Teilnehmer aus aller Welt, dazu kommt ein Team von 30 Freiwilligen.

Das Verhältnis von Muslimen und Juden wurde nicht zuletzt durch 9/11 massiv getrübt - und der israelisch-palästinensische Konflikt schwebt auch immer über dieser Beziehung. Was wollen Sie hier mit der Muslim Jewish Conference bewegen?

Ich glaube, dass es weder auf muslimischer noch auf jüdischer Seite Organisationen gibt, die wirklich neutral oder ohne Agenda auf das Thema zugehen. Die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, haben selten die Möglichkeit, sich mit dem muslimisch-jüdischen Verhältnis ohne strings attached auseinanderzusetzen, ohne Konsequenzen.

Die Konferenz ist so etwas wie ein safe room (sicherer Raum)?

Davon bin ich überzeugt. Wir können hier in sieben Tagen Vorurteile und Stereotypen abbauen, die andere über 30 Jahre aufgebaut haben.

Es steht also der Dialog im Mittelpunkt.

Absolut. Vor allem aber geht es darum, der next generation die Möglichkeit zu geben, abseits der Machtzentren ihre Nase in das Thema zu stecken. Zum Vorwurf, dass sich nur bereits Interessierte engagieren: das mag manchmal so sein. Aber die Vorurteile und Stereotype sind selbst bei jenen, die positiv eingestellt sind, so hoch, dass es zum Problem wird.

Wie sehen diese Vorurteile aus?

Alles, was muslimisch und religiös ist, wird sofort mit Islamismus in eine Ecke geschoben. Alles, was jüdisch ist, landet sofort in einer Ecke mit Geld. Diese Vorurteile bekommst du nicht weg, solange du keinen Menschen der jeweils anderen Gruppe mit einem Vornamen, einem Gesicht, einer Geschichte getroffen hast. Mit ein bisschen Mut und ernster Arbeit kommt man sehr schnell darauf, dass weder die einen die Medien regieren noch die anderen alles in die Luft jagen wollen.

Die erste Muslim Jewish Conference fand 2010 in Wien statt. Welche Reaktionen gab es in der jüdischen Community, der Sie auch angehören?

Von sehr ablehnenden bis zu unterstützenden Reaktionen war alles vorhanden. Manche wie Patricia Kahane von der Kahane Stiftung haben extrem positiv reagiert und unterstützen uns auch von Beginn an. Das jüdische Establishment dagegen wollte sich anfangs von der Konferenz distanzieren, wovon man nach einem Gespräch mit mir doch Abstand genommen hat. Wir haben von Beginn an wichtige Vertreter der jüdischen Welt auf uns aufmerksam machen können, wie Rabbiner David Rosen, der ein Star beim Thema Interfaith ist. Oder Andrew Baker, der in der OSZE für alles rund um Antisemitismus zuständig ist. Viele in Österreich haben gemeint, wir ignorieren die Gefahr. Aber Menschen wie Baker oder auch Clinton, die sich hier auskennen, sind der Ansicht, dass wir etwas aufgestellt haben, das funktioniert.

Wie schützen Sie sich vor Extremisten?

Das ist natürlich schwer. Es gibt aber einen Filterungsprozess.

Gab es bereits Anfragen von Leuten, mit denen Sie schließlich nicht in Kontakt treten wollten?

Ja, sicher, sowohl auf jüdischer als auch auf islamischer Seite.

Was wäre ein Ausschließungsgrund?

Wir haben nichts fest in den Boden geschrieben, denn oft verschwimmen die Linien. Wir wollen auch die dabei haben, die noch auf der anderen Seite stehen, um sie für den Dialog zu gewinnen. Es muss aber möglich sein, miteinander zu reden. Wenn jemand schon so in seinem Extremismus verhaftet ist, dass er auf einer Konferenz nur die Konfrontation sucht, dann können wir das nicht brauchen. Wir schauen, dass wir im Vorfeld möglichst viel recherchieren und arbeiten während den Konferenzen gut mit den Sicherheitsbehörden der jeweiligen Länder zusammen. Interessant ist, dass die jüdische Gemeinde in Sarajevo, unserem nächsten Tagungsort, keine Security hat.

Wie gestaltet sich in Sarajevo der Dialog zwischen Judentum und Islam?

Die jüdische Gemeinde hat es dort im Krieg durch ihren politischen Status geschafft, eine gewisse Infrastruktur zu erhalten, sie hat Apotheken geführt, sie hatte ein Telefon. Der gesamte Krisenstaff aller Religionsvertreter hat hier getagt. Die Menschen aus Sarajevo haben aufeinander geschaut. Insofern ist Sarajevo eine Modellstadt, was die Zusammenarbeit zwischen Islam und Judentum betrifft. Auch Jakob Finci, die Führungspersönlichkeit innerhalb der jüdischen Gemeinde in Sarajevo, war von der ersten Minute an unglaublich supportive (unterstützend, Anm.). Es war unglaublich, wie er das Projekt bei allen Organisationen, bei denen wir gemeinsam vorgesprochen haben, gepusht hat. Wir sind es nicht gewöhnt, dass uns eine jüdische Gemeinde derart unterstützt. Oft treten Persönlichkeiten hervor und helfen uns, aber von Organisationen - mit Ausnahme des AJC - kannten wir das bisher nicht.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-24 17:03:03
Letzte Änderung am 2013-07-29 12:10:31


Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter




Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Angstfrei punschen
  2. Energetiker "unter dem Radar passiert"
  3. Positive Erfahrungen mit Zivildienern in Kindergärten
  4. Wiener Handel klagt über Demos am Ring
  5. Wo sich der Fuchs zuhause fühlt
Meistkommentiert
  1. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  2. Wiener Handel klagt über Demos am Ring
  3. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  4. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  5. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung