• vom 05.11.2013, 09:30 Uhr

Stadtleben


Arthur Fürnhammer

Bei den Königinnen der Nacht




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Von Solmaz Khorsand

  • Arthur Fürnhammer spürt in seinem "Tschocherl Report" eine Wiener Institution auf
  • Ein Blick hinter die Fassade von Wiens schummrigsten Lokalen.

Ganz unten in der gastronomischen Hierarchie , werden sie von den Fremdenführern geflissentlich ignoriert: Wiens alkoholgeschwängerte Wohnzimmer. Peter Mayr

Ganz unten in der gastronomischen Hierarchie , werden sie von den Fremdenführern geflissentlich ignoriert: Wiens alkoholgeschwängerte Wohnzimmer. Peter Mayr

Wien. Überwindung hat es Arthur Fürnhammer gekostet. Jedes Mal, wenn er eines dieser schummrigen Lokale betrat. Er, der Journalist, inmitten von Wiener Typen, die um fünf Uhr Früh ihr erstes Glas Wein bestellen, die Wirtin mit "Mama" anreden und zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen nur eine Mahlzeit konsumieren: Schnaps.

"Tschocherl" - so heißen diese Etablissements im Volksmund. In der gastronomischen Hierarchie stehen sie ganz weit unten. Kein Fremdenführer hat sich der Espressos Florida, Babsi oder Mary bisher angenommen, ihre Küche gelobt, ihr Ambiente romantisiert oder den Wirt gebauchpinselt. Bis jetzt jedenfalls. In seinem "Tschocherl Report" hat Fürnhammer diesen Wiener Institutionen ein Denkmal gesetzt. 20 Tschocherl hat der Autor gemeinsam mit dem Fotografen Peter Mayr porträtiert.


Er erzählt von den strengen Bardamen, die wie Königinnen der Nacht ihre Gäste bedienen und dabei jedes Pseudokompliment nachsichtig akzeptieren, und von ihren Besuchern, die in den dunklen Spelunken ein Zuhause gefunden haben, wo man sich umeinander kümmert, bei Gelegenheit sogar eine vorgekochte Gulaschsuppe vorbeibringt und sich über den unrasierten Zustand seines Sitznachbarn lustig machen kann, ohne ihn zu vergrämen. Es sind regelrecht Familien, in denen sich Stammgäste gegenseitig besuchen, wenn einer im Krankenhaus liegt, weil das Herz nicht mehr so richtig pumpt oder die Wirtin schon einmal anruft, wenn sie ihren Lieblingsgast einige Tage nicht gesehen hat.

Die Oase selbst ernannter Schnapsprofessoren
Ein spezielles Idiom wird in diesen "Tschocherln" konserviert: der Wiener Dialekt. So spricht man hier vom "Koberer", nicht vom Wirten, dem "Wöhli", nicht dem Dummkopf und eben dem "Tschocherl", nicht der Bar, dem Beisl oder dem Lokal. Laut Duden ist das Wort ein abwertender Austriazismus für "Mühe" oder "Plackerei", was darauf hindeutet, dass vor allem Arbeiter die schummrigen Lokalitäten besuchen. Andere beharren aber darauf, dass das Wort von "tschechern" kommt, also saufen. Ist es lediglich die Oase selbst ernannter Schnapsprofessoren?

"In einem Tschocherl geht man davon aus, dass alles Loser sind. Aber das stimmt nicht. Da sind viele pensionierte Arbeiter, die nicht gerne alleine sind und lieber ins Tschocherl ums Eck gehen, als alleine zu Haus zu sitzen, wo es fad ist", sagt Fürnhammer. Der gebürtige Linzer sitzt im Donaubeisl am Mexikoplatz 27. Eine ungewöhnliche Erscheinung ist der Hüne mit dem fuchsroten Haar inmitten rundlicher Männer älteren Jahrgangs.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-11-04 17:29:04
Letzte Änderung am 2013-11-04 17:54:13


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