• vom 29.11.2013, 17:29 Uhr

Stadtleben

Update: 30.11.2013, 09:54 Uhr

Generation Y

Die Wohlstands-Verwahrloste




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Von Solmaz Khorsand

  • Stefanie Sargnagel konterkariert in ihrem Buchdebüt "Binge Living" die aktuelle Leistungsgesellschaft
  • Pointen inklusive Fäkalhumor und Versagensexhibitionismus.

Die Tücken des Beinfell-Alltags bringt Sargnagel exakt auf den Punkt. - © Stephanie Sargnagel

Die Tücken des Beinfell-Alltags bringt Sargnagel exakt auf den Punkt. © Stephanie Sargnagel



Wien. Eigentlich würde man sich ein rülpsendes, furzendes, grölendes Etwas erwarten, wenn man sich mit Stefanie Sargnagel verabredet. Dass sie sich in den ersten fünf Minuten über die Kontraktionen ihres Darmes auslässt oder zumindest jene ihres Gegenübers. Dass sie über ihr frisiertes Beinhaar sinniert oder Anekdoten aus ihrem Job im Callcenter zum Besten gibt.

Denn dafür ist Stefanie Sargnagel bekannt. Seit sechs Jahren schreibt die Kunststudentin auf Facebook über ihre Beobachtungen und Eindrücke aus ihrem Leben. Brutal, unverkrampft und selbstironisch. Mit Einträgen wie "Mag mir irgendjemand Untalentierter seinen Ehrgeiz verkaufen?", "Meine heimliche Freuden: ins Schwimmbad brunzen, Nasenrammel unter deinen Tisch schmieren" oder "Ich sabotiere meine Künstlerkarriere beim Ostermarkt der Kreativmuschis" hat sich Sargnagel in den vergangenen Jahren eine Fangemeinde herangezüchtet. In den Social Media wird sie als beste Autorin der Welt gefeiert. Mehr als 1300 Menschen verfolgen ihre Beiträge, sind amüsiert über ihre durchzechten Nächten, ungewaschenen Strumpfhosen, die nach Brie riechen, und ihre Häme gegenüber all jenen, die dem Diktat der Leistungsgesellschaft unterworfen sind, inklusive des Kunstbetriebs, dem die 27-Jährige indirekt als Studentin an der Akademie der bildenden Künste angehört. Nun erscheint ein Sammelband ihrer Facebook-Texte und MS Paint Cartoons unter dem Titel "Binge Living", aus dem sie Samstag in der Bar "Transporter" vorlesen wird.


"Jemand hat mir einmal gesagt, dass ich so einen watch-me-fail Humor habe", sagt sie. "Ich denke, dass man wenig Hater bekommt, wenn man sich selbst verarscht." Mit der roten Baskenmütze, den falschen Perlenohrringen und dem züchtigen Pullover entspricht Sargnagel dem Aussehen nach eher einer orthodoxen Jüdin als einem tragisch-komischen Rüpel, zu dem sie stilisiert wird. Spätestens, wenn sie sich eine Zigarette dreht und ihr erstes Gösser im Café Weidinger am Lerchenfelder Gürtel bestellt, kommt man der Kunstfigur Stefanie Sargnagel ein bisschen näher. Man beginnt zu begreifen, wie der Satz "Mein Gacki war heute flüssig. Heißt das, dass ich sterben muss?" zur Kunstform erhoben werden konnte.

Eigentlich heißt Sargnagel Sprengnagel. Das Pseudonym hat ihr eine deutsche Bekannte verpasst. Ein Zufall, an den sich Sargnagel nicht mehr erinnert. Auch die rote Baskenmütze, die gerne als ihr Markenzeichen hervorgehoben wird, war ein Geschenk von der Mutter einer Freundin von ihr und nicht das Ergebnis einer sorgfältigen Kleiderauswahl, um lateinamerikanischen Freiheitskämpfern nachzueifern. Überhaupt scheint Sorgfalt oder Planung in Sargnagels Leben kaum eine Rolle gespielt haben. "Mein Lebensstil erschließt sich halt aus einer Mischung aus Unfähigkeit, Unentschlossenheit, Gleichgültigkeit und Verweigerung, ich bin die personifizierte Wohlstandsverwahrlosung", schreibt sie in einem "Vice"-Artikel.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-11-29 17:32:05
Letzte Änderung am 2013-11-30 09:54:14


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