• vom 08.01.2014, 16:56 Uhr

Stadtleben

Update: 19.12.2016, 11:58 Uhr

Letzte Zeugen

Allein unter Nazis




  • Artikel
  • Kommentare (9)
  • Lesenswert (37)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Solmaz Khorsand

  • Vilma Neuwirth lässt ihre Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg im Burgtheater Revue passieren. Noch heute wehrt sich die "Nachherkämpferin" gegen Schikanen.

Besuch bei der alten Dame mit der "scharfn Goschn": Vilma Neuwirth.

Besuch bei der alten Dame mit der "scharfn Goschn": Vilma Neuwirth.© Luiza Puiu Besuch bei der alten Dame mit der "scharfn Goschn": Vilma Neuwirth.© Luiza Puiu

Wien. Vilma Neuwirth mag keine alten Leute. Sobald die 85-Jährige Altersgenossen begegnet, beginnt es in ihrem Kopf zu rumoren. Auf welcher Seite stand der alte Mann wohl vor 75 Jahren? Auf deren Seite? Oder ihrer? Hat er damals geschrien? Und war es aus Freude, um die anderen anzufeuern? Oder aus Angst und vor Schmerzen? Angewidert dreht sich Neuwirth weg. Sie kommt immer zu demselben Schluss: "Bei den alten Leuten sage ich automatisch: Das war ein Nazi", sagt Neuwirth. "Ich werde nie die Bilder vergessen, als sie damals geschrien haben: Heil, heil, heil!" Ihr Gesicht verkrampft sich zu einer wütenden Fratze, wenn sie ihre Mitmenschen von damals imitiert.

"Wieso sollte ich auswandern?"

Information

Die "Letzten Zeugen" sind noch am 9. und am 26. Jänner im Burgtheater zu sehen.


Vilma Neuwirth, geborene Kühnberg, hat als Tochter einer Christin und eines Juden den Zweiten Weltkrieg in der Leopoldstadt überlebt. Ihre Erinnerungen hat sie vor sechs Jahren in der Biografie "Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien" dokumentiert. Heute Abend steht sie auf der Bühne des Burgtheaters. 75 Jahre nach dem Novemberpogrom von 1938 lässt sie gemeinsam mit sechs anderen Überlebenden in dem Projekt "Die Letzten Zeugen" von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann ihre Erinnerungen Revue passieren.

Viele Interviews hatte Neuwirth in den vergangenen Jahren gegeben. Immer wieder, wenn eine Gedenkveranstaltung ansteht, wird die rüstige Dame mit der "scharfn Goschn", wie sie sagt, kontaktiert. Dann soll sie Zeitzeugin sein, auf Knopfdruck, erzählen, wie über Nacht aus Nachbarn plötzlich Bestien wurden. Wie der nette Herr, dem ihr Vater noch am Tag zuvor die Haare schnitt, ihn am nächsten Tag auf die Straße zerren wollte, um diese zu putzen. Oder wie schnell sie immer rennen musste, überall. Sei es auf dem Weg zur Schule, auf dem sie einstige Schulkameradinnen mit "Jud, Jud, spuck in Hut, sag deiner Mama, das tut gut!" empfingen oder auf dem Weg nach Hause, auf dem sie wütende Frauen mit Hundepeitschen und Ketten jagten.

"Ich habe diese Zeit in der Höhle des Löwen verbracht", sagt sie dann. Vom Terror in den Lagern weiß sie aus Erzählungen. Sie hat den Terror auf der Straße erlebt, als zehnjähriges Mädchen, inmitten der Mitläufer, die später als Opfer in Schutz genommen wurden, weil sie nicht anders konnten, als zu kuschen.

Noch heute lebt Neuwirth im zweiten Bezirk. Ihre Wohnung liegt nur wenige Häuserblocks entfernt von der Glockengasse. Nie hat die gelernte Friseurin und Fotografin die Leopoldstadt verlassen wollen. Trotz allem. "Warum? Dann hätten die ja gewonnen. Wieso soll ich auswandern? Die Nazis bleiben und die Juden gehen?! Na hören Sie, ich werde doch nicht vor denen flüchten", poltert sie. Mit Kriegsende hat für Neuwirth erst der Kampf begonnen. Gegen Lehrer, Polizisten, Passanten. Bis heute. Aufgebracht erzählt sie von ihren Abenteuern in der Leopoldstadt. Vom schwarzen Hakenkreuz auf dem gelben Baucontainer, das den Bauleiter nicht störte, bis sie ihn als "Nazi" beschimpfte und die Polizei rief. Innerhalb von 20 Minuten krakelten die Beamten aus dem Hakenkreuz ein schwarzes Fenster.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




9 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-01-08 16:59:07
Letzte Änderung am 2016-12-19 11:58:08


Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter




Vor Gericht

Der vergessene Patient

Die Tür zum Zimmer von M. stand immer offen, hinein ging die Heimhilfe aber kaum. - © stock.adobe.com Wien. Als die Sanitäter kamen, war Herr M. nicht mehr ansprechbar. Verwahrlost lag er im verschmutzten Bett der Ehewohnung... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Das große Teilen auf der Straße
  2. Der allerzweckloseste Zweckbau von Pötzleinsdorf
  3. Die Gras-Greißler
  4. Stadt im Traume
  5. Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden
Meistkommentiert
  1. Shoah-Gedenkmauer fix
  2. Jetzt schon vorweihnachtlich
  3. Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden
  4. Nichts zu machen?
  5. Zu schnell für den Gehsteig

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Bevölkerung

Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden

Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden Wien. Nach Jahren der Zuwächse wird die Wiener Bevölkerung künftig nur mehr mäßig wachsen, zudem werden die Bewohner älter...

Literatur

Stadt im Traume

Stadt im Traume Wien. Eigentlich ist Andreas Schindl Dermatologe. Er studierte Medizin in Wien und Photobiologie in Padua. Aber nebenbei schreibt er auch gerne: In...




Werbung