Wien. Fast 900 Folgen, mindestens genauso viele Fernseh-Leichen und noch mehr fiktive Verdächtige, insgesamt mehr als hundert Ermittler in zwanzig deutschen Städten, Wien und Luzern. Seit nunmehr 44 Jahren flimmert die Fernsehserie "Tatort" im deutschen Sprachraum über die Bildschirme und ist somit die am längsten laufende Krimireihe in unseren Breiten. Für viele gehört der "Tatort" zum Sonntagabend wie die Butter aufs Brot - und so überrascht es nicht, dass sich auch in Wien Gratis-Kinovorstellungen von "Tatort"-Folgen großer Beliebtheit erfreuen.

Das Topkino im 6. Bezirk zeigt den sonntäglichen "Tatort" seit etwa drei Jahren - so genau weiß das Joachim Wegenstein, Geschäftsführer der Wiener Arthaus-Kinos Topkino und Schikaneder, auch nicht mehr. "Die Idee wurde von einem Deutschen an mich herangetragen. Bei unseren Nachbarn ist das gemeinsame ‚Tatort‘-Schauen ja schon länger Kult." Und tatsächlich treffen sich in Deutschland seit Jahren Gleichgesinnte zum kollektiven Krimierlebnis in Kneipen und Bars.

So richtig erklären kann sich Wegenstein das Phänomen "Tatort" nicht. "Vielleicht macht es ja der Mix aus - einerseits gibt es Kommissare, die seit Jahrzehnten dabei sind, andererseits kommen auch immer wieder neue dazu", sagt er. "Ich persönlich schaue jedenfalls lieber in Ruhe zuhause." Aber es soll auch Menschen geben, die vor lauter Vorfreude auf den bevorstehenden Kino-Krimiabend nicht einmal mehr das Ende des vorhergehenden Films abwarten können, bevor sie in den Saal drängen, um einen Sitzplatz zu ergattern. "Wie die Freaks", sagt Wegenstein. "Ab und zu musste ich da schon ungehalten werden. Die sind ja alle narrisch."

Wie vor dem
Fernseher zu Hause


An diesem Sonntag verhalten sich die "Tatort"-Liebhaber jedenfalls sehr zivilisiert: Sie sitzen wie aufgefädelt in einer Reihe auf der Holzbank vor dem Kinosaal, auf den braunen Couchsesseln gegenüber vom Eingang, oder stehen geduldig in einer Schlange, die bis hinaus in den Barbereich reicht. Sie, das sind hauptsächlich junge Menschen, die zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt sind - der eine oder andere im Holzfällerhemd mit Hornbrille; die eine oder andere mit übergroßer Haube auf dem Kopf und Stoffsackerl über der Schulter. Aber auch so manches ältere Paar ist in der Menge zu erkennen.

Um all die Krimifans bei Laune zu halten, veranstaltete man im Topkino anfangs ein Ratespiel, bei dem die Kinobesucher in einer Pause den Mörder erraten konnten. Die Gewinner erhielten dann ein Freigetränk. "Das wurde uns aber bald zu aufwendig. Es kamen plötzlich so viele Leute, dass es nicht mehr möglich war, das Spiel in geordneter Form abzuwickeln", sagt Wegenstein.