• vom 21.03.2014, 06:00 Uhr

Stadtleben


Generalvikar Nikolaus Krasa

"Wir wollen keinen niederbügeln"




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Von Mathias Ziegler

  • Auch im 19. Bezirk wollen sich drei Pfarren zusammenschließen - auch in Landvikariaten läuft Prozess gut an
  • Generalvikar Nikolaus Krasa über die Strukturreform der Erzdiözese Wien.

Ihre gesellschaftliche Position muss die Kirche neu überdenken, sagt Nikolaus Krasa.

Ihre gesellschaftliche Position muss die Kirche neu überdenken, sagt Nikolaus Krasa.© Hetzmannseder Ihre gesellschaftliche Position muss die Kirche neu überdenken, sagt Nikolaus Krasa.© Hetzmannseder

"Wiener Zeitung": Sie sind seit 2011 Generalvikar und als solcher verantwortlich für die Strukturreform der Erzdiözese Wien. Wie geht es Ihnen damit?

Nikolaus Krasa: Ich bin in einen Prozess eingestiegen, der damals bereits im Laufen war. Ab 2009 gab es drei Diözesanversammlungen, nach denen der Kardinal drei Schwerpunkte genannt hat: "Mission first" (unser Auftrag in der Gesellschaft), Jüngerschaftsschulung (von Jesus lernen und bezeugen) und eine Strukturreform (welche Infrastruktur ist nötig). Knapp danach bin ich Generalvikar geworden. Wir haben dann etwa ein Jahr lang in kleinen Workshops intensiv diskutiert und daraus Thesen formuliert, die wir mit allen diözesanen Gremien - Dechanten, Pastoralrat, Priesterrat, Diakonenrat - diskutiert haben. Daraus sind die Leitlinien für unseren Prozess entstanden.

Information

Nikolaus Krasa
(53) ist als Generalvikar der Erzdiözese Wien der Stellvertreter von
Erzbischof Christoph Schönborn und für die Verwaltung zuständig.
Ursprünglich studierte er Physik und Mathematik, wurde dann aber
Priester (1987 Kaplan in der Kalvarienbergkirche, 1995 Pfarrer in
Jedlesee, 2002 Dechant des Stadtdekanats 21, 2003 Regens des
Priesterseminars, 2011 Generalvikar).


Warum die Strukturreform?

Nehmen wir die Pfarren Neulerchenfeld und Maria Namen. Die hatten vor der Trennung 1939 rund 40.000 Katholiken, jetzt sind es nach der Zusammenlegung etwa 4000. Es gibt auch gewichtige pastorale Argumente dafür, dass eben Priester nicht allein auf weiter Flur tätig sind, sondern in einem Team von Geistlichen arbeiten (so wie es früher in vielen Gemeinden war), dass Priester mit Laien zusammenarbeiten und dass kleine Gemeinden sich öffnen und miteinander kooperieren und dann zum Beispiel statt viermal drei Firmlinge gemeinsam zwölf haben.

Es gibt Pilotpfarren im 10. und im 15. Bezirk. Was sind die nächsten Pfarrzusammenlegungen?

Vor einiger Zeit haben auch die Pfarren Krim, Kaasgraben und Glanzig im Dekanat 19, die von den Oblaten des Heiligen Franz von Sales geführt werden, den Wunsch geäußert, hier eine Pfarre Neu zu errichten. Wobei eine Kirche in Ordensbesitz, eine inkorporiert und eine im Besitz der Erzdiözese ist. Die rechtlich zu vereinigen, wird spannend. Auch in den Landvikariaten gibt es da und dort Ideen, Pfarre Neu auszuprobieren, aber noch nichts Fixes.

Ist die Reform am Land schwieriger, weil die dortigen Strukturen ohnehin schon ausgereizt sind?

Wir brauchen da auf jeden Fall eine systematische Strukturentwicklung. Es gab in beiden Vikariaten Ansätze dazu. Der Süden hat vor etwa zehn Jahren das Konzept der Seelsorgeräume entwickelt und beginnt jetzt, diese überpfarrliche Kooperation flächendeckend umzusetzen. Im Norden gibt es die Pfarrverbände, die auch nicht immer und überall wirklich breit strukturiert entwickelt wurden. Ein Gutteil der Energien in den beiden Landvikariaten geht also zunächst einmal in die Richtung, miteinander zu schauen, wie große Einheiten aussehen sollten, egal wie die nachher dann heißen werden. Dass wir nicht zum Beispiel irgendwo eine kleine Pfarre haben, wo zufällig noch ein Priester sitzt, und daneben ist ein riesiger Pfarrverband, in dem sich ein Pfarrer zerspragelt.

Sie wollen also gewachsene Strukturen nach und nach durch sinnvoll geplante ersetzen?

Nicht ersetzen, sondern ergänzen. Ich finde es sinnvoller, ein ganzes Dekanat, ein ganzes Vikariat auf den Weg zu setzen und zu sagen: Wie schaut aus eurer Sicht eine größere Einheit aus? Geben wir uns jetzt einmal zwei Jahre Zeit, zu planen und zu schauen, was dabei herauskäme. Was die Rahmenbedingungen sein müssten, wie die Organisationsformen zum Beispiel am Wiener Stadtrand oder in Laa an der Thaya sein müssen. Die Landdekanate sind ja sehr, sehr unterschiedlich und kaum untereinander vergleichbar. Ich halte da auch eine breite Diskussion für notwendig.

Das klingt, als reparierten Sie jetzt, was vorher längere Zeit vernachlässigt wurde . . .

Ich glaube, die letzten echt strukturierten Leitungsentscheidungen auf Basis breiter Diskussionen sind nach der Diözesansynode in den 1970ern erfolgt. Damals war wie in vielen Diözesen weltweit die Frage: Wie setzen wir die Steilvorlagen des Zweiten Vatikanums um? Damals sind bei uns die Vikariate entstanden und das Ständige Diakonat eingeführt worden. In dieser Größe und Strukturiertheit habe ich seither nichts mehr gesehen.

Wie geht es den Pilotpfarren, die 2015 eingeweiht werden sollen?

Die erste Startsitzung im Dekanat 10 mit allen Pfarrgemeinderäten und pastoralen Mitarbeitern für den Prozess nach der Visitation durch den Kardinal 2010 war noch sehr spannungsgeladen. Da war zu hören: "Warum bei uns? Woanders gibt es doch auch mehrere Kirchen auf einem Fleck." Aber auch: "Schaut eure Pfarre an, wie wenige Katholiken ihr habt im Vergleich zu früher. Gott sei Dank machen wir uns endlich auf den Weg." Meine Wahrnehmung ist, dass sich das deutlich verschoben hat in Richtung eines guten, konstruktiven Miteinanders. Unterwegs tauchen natürlich immer noch viele Fragen und Probleme auf, weil es eine sehr komplexe Materie ist. Wir wollen keinen niederbügeln. Es ist ein Gesprächsprozess, und der macht halt manchmal auch Haken.

Manchmal bin ich ungeduldig und wünsche mir, dass es schneller geht. Aber unsere Pfarren sind einfach historisch gewachsene, sehr komplexe Gebilde. Jede Pfarre beinhaltet nach dem alten Kirchenrecht drei Rechtspersonen (die Pfarre selbst, die Pfarrpfründe als Existenzgrundlage des Pfarrers und die Pfarrkirche als Stiftung für Gebäude, Gottesdienste etc., Anm.), seit 1984 sind es zwei (Pfarre und Pfründe) - was machen wir jetzt mit denen? Wem "gehören" Pfarren - der Diözese oder einem Orden? Da gibt es noch vieles zu klären.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-03-20 17:08:04
Letzte Änderung am 2014-03-20 19:04:41


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