• vom 16.05.2014, 07:00 Uhr

Stadtleben


Mitten in Wien

"Irgendwann holt einen das Gräuel ein"




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Von Iga Mazak

  • Der Verein Hemayat betreut seit 1995 traumatisierte Kriegs- und Folterüberlebende.

Mit Kindern wird in erster Linie situationsstabilisierend gearbeitet - etwa mit gemeinsamem Zeichnen . Denn viele Eltern können sich angesichts ihrer eigenen Kriegs-Traumatisierung nicht genügend um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern.

Mit Kindern wird in erster Linie situationsstabilisierend gearbeitet - etwa mit gemeinsamem Zeichnen . Denn viele Eltern können sich angesichts ihrer eigenen Kriegs-Traumatisierung nicht genügend um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern.© Hemayat Mit Kindern wird in erster Linie situationsstabilisierend gearbeitet - etwa mit gemeinsamem Zeichnen . Denn viele Eltern können sich angesichts ihrer eigenen Kriegs-Traumatisierung nicht genügend um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern.© Hemayat

Wien. Alsergrund. Schleppend betritt der 15-jährige Amin den Therapieraum von Sonja Brauner in der Sechsschimmelgasse. Die Wirbelsäule so stark verbuckelt, dass er nur noch halb so groß ist, wie er eigentlich stehend wäre, schleift er den rechten Fuß hinter dem linken her. Die Arme baumeln gekrümmt zehn Zentimeter über dem Boden. Den Kopf geduckt zwischen den verkrampften Schultern, blickt er zu Brauner hinauf. Mit einem gequälten Lächeln begrüßt er seine künftige Psychotherapeutin.


Amin hat so ziemlich alle medizinischen Stellen abgegrast. Das Röntgen ergab nichts, die Muskeln sind gesund, auch Rheuma oder ein Unfall sind nicht schuld an Amins Verfassung. Amin ist gesund. Körperlich jedenfalls. Was ihm seelisch widerfahren ist als er mit seiner Familie aus Afghanistan nach Österreich flüchtete, darüber spricht Amin nicht. Seit dem Verschwinden seines Vaters, der in Afghanistan zurückbleiben musste, geht Amin gekrümmt. Kann nicht schlafen. Im Deutschkurs schafft er es kaum, sich zu konzentrieren.

700 Patienten 2013 betreut
Mit seinem Leiden ist Amin bei Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende kein Einzelfall. Mehr als 700 Patienten betreute das Team von Hemayat im Jahr 2013, die meisten aus Tschetschenien, Afghanistan, dicht gefolgt von dem Iran. Viele Betreuten, sind geflüchtet, sind illegal über die Grenze gekommen, haben Folter und Krieg erlebt. Wurden vergewaltigt, weggesperrt und gequält. Sie leiden an schweren psychischen Traumata, Schlaf- und Konzentrationsproblemen, Panikattacken und Flashbacks - kurz: posttraumatischen Belastungsstörungen. Denn während körperliche Folter- und Kriegsverletzungen verheilen, bleiben viele der psychischen Traumata jahrelang unerkannt und unbehandelt und äußern sich erst viele Jahre später.

Vor allem bei Kindern, die häufig als Zeugen den Horrorszenarien ihrer Eltern hilflos und schutzlos ausgeliefert sind, werden die psychischen Traumata indirekt diagnostiziert. "Mutismus - also das plötzliche Verstummen ohne körperliche Ursachen - ist hierbei das Phänomen, das sich bei Kindern am häufigsten abzeichnet", weiß Nora Ramirez-Castillo zu berichten.

Zeitspenden hoch im Kurs
Seit drei Jahren arbeitet die Psychologin für Hemayat und koordiniert die Erstgespräche mit neuen Patienten. Vor allem für sie, die Kinder, veranstaltet Hemayat am Samstag seine jährliche Benefizauktion. Zeitspenden stehen dieses Jahr hoch im Kurs - ein gemeinsames Frühstück mit dem Allroundkünstler André Heller, Käsekrainer-Essen mit Filmpreisträgerin Maria Hofstätter oder ein "Über-Gott-und-die-Welt-Plaudern" mit Oscar-Gewinner Michael Haneke. Der Preis kommt einem guten Zweck zugute.

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Mitten in Wien, Hemayat

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-05-15 17:47:03
Letzte Änderung am 2014-05-15 17:50:13


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