• vom 25.05.2014, 17:37 Uhr

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Diskussionsraum

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Von Fabian Kretschmer

  • Zwei Forscher sind mit ihrem Transporter in Wien unterwegs, um Jugendlichen zuzuhören.

Nikolai Friedrich und Lisz Hirn interessieren sich für die Probleme der Jugendlichen.

Nikolai Friedrich und Lisz Hirn interessieren sich für die Probleme der Jugendlichen.© Kretschmer Nikolai Friedrich und Lisz Hirn interessieren sich für die Probleme der Jugendlichen.© Kretschmer

Wien. Zwei Forscher fahren täglich mit ihrem Transporter zu Wiens Problemschulen, um Jugendlichen zuzuhören, für die sich sonst niemand interessiert. Sie setzen vierspurig über die Donau, im Rückspiegel verschwindet das Wien der Gründerzeithäuser und engen Gassen. Am Horizont ragen bereits die Vorstadtsiedlungen in die tief liegende Wolkendecke, noch sind sie winzig wie Dominosteine. Das Display am Armaturenbrett zeigt auf acht Uhr.


Lisz Hirn und Nikolai Friedrich sind unterwegs zu ihrem ersten Außeneinsatz an diesem Tag, und streng genommen handelt es sich um einen Notfall. Mit einem Kleinlaster, den sie "mobilen Diskussionsraum" nennen, fahren die beiden täglich an Orte, an denen Menschen wie sie meist nicht zu finden sind: sie Philosophin, er Sozial- und Kulturanthropologe, beide Künstlertypen, Weltverbesserer in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Aber auch welche, die aus ihrem akademischen Elfenbeinturm ausgebrochen sind. "Das waren immer nette Ideen, aber die Anwendung hat mir gefehlt", sagt die 30-Jährige über ihr Philosophiestudium.

Vor fünf Jahren entdeckten sie bei einem ihrer Streifzüge durch den 15. Bezirk ein profanes Graffito: "du Opfer!" stand auf einer Wand geschrieben. Für die Jugendlichen aus dem Viertel ein gängiges Schimpfwort, doch die beiden Forscher wussten damit rein gar nichts anzufangen - ein symbolischer Moment: "Das ist arg: Wir wohnen da und haben eigentlich gar keine Ahnung, was hier abgeht, wie die Jugendlichen denken und was sie wollen", erinnert sich Hirn.

Daher tauften sie ihr jüngstes Projekt plakativ "Krasse Kultur - du Opfer?". Von März bis Juni fahren sie durch Wiens Brennpunktbezirke und -schulen. Dort, wo viele Kulturen nebeneinander existieren, wollen sie Verbindungen schaffen.

Zwanzig nach acht, Nikolai Friedrich parkt den Laster am Ende einer kleinen Einbahnstraße. Der Einsatzort: eine Sonderschule mitten in Transdanubien, 1980er Jahre Funktionsbau, aus der Ferne heulen Rasenmäher.

"Sie wissen eh, welche Art von Kindern auf Sie warten", fragt die Direktorin zur Begrüßung. Es sind fast nur die schweren Fälle, die auf ihre Schule gehen. Jene, die in ihren jungen Jahren schon so viel durchgemacht haben, dass es für ein ganzes Leben reicht.

Schüler musste im Kofferraum des Taxis übernachten
"Nur aus Vernachlässigung wird man nicht so, da ist meist mehr vorgefallen", erklärt eine Lehrerin. Sie erzählt von einem ihrer Schüler, der jahrelang im Taxikofferraum seines Vaters übernachten musste. Solche Schicksale seien die Regel, keine Ausnahme. Doch die Pädagogin sagt auch: "Die Schüler hier haben meist mehr Tiefgang als jene aus den privilegierten Familien."

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Dokument erstellt am 2014-05-25 17:41:03


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